Leseproben


Leseprobe: Die Reise des Karneolvogels - Die Stadt der Gaukler

Riki saß bei den anderen Gauklern am Feuer, rekelte sich genüsslich und gähnte vernehmlich, während sie Urs dabei beobachtete, wie er sich mit einem trockenen Brotlaib abmühte.

„Ja gottverdammi, damit kann mer im Wald allenfalls no en Bärli erschlage, odrr!“ Auf dem gutmütigen Gesicht des rundlichen Mannes zeigten sich tiefe Furchen heiligen Ärgers.

Urs regte sich normalerweise nie auf und wenn doch, so wusste das clevere Eselchen Flipflip aus Erfahrung, ging es ums Essen. Und zwar in einer Weise, die besagte, dass dieses für die Menschen nicht mehr genießbar war - was wiederum bedeutete, dass es für Flipflip unter Umständen interessant wurde. Daher hatte er vorsichtshalber schon mal unbemerkt hinter Urs Position bezogen.

„Flipflip“, brüllte Urs da auch schon und fuhr mit einer für ihn ungewöhnlichen Heftigkeit herum, die nur vom berechtigten Ärger herrühren konnte, dass sich das Brot erdreistet hatte, völlig auszutrocknen.

Er hatte noch nicht bemerkt, dass der Esel bereits direkt hinter ihm stand und stieß durch seine schnelle Drehung ungebremst gegen den graubepelzten Kopf, den Flipflip ihm erwartungsvoll entgegenstreckte.

Erschrocken fuhr Urs zurück, stimmte jedoch nach einer Schrecksekunde in das allgemeine Gelächter mit ein.

Flipflip zog die Oberlippe nach oben, als ob er mitlachen würde und stibitzte sich dann den trockenen Brotlaib, mit dem er zufrieden von dannen zog.

Riki, Dolores und Felicitas krümmten sich vor Lachen und sogar Alarico huschte ein dünnes Lächeln über die aristokratischen Züge.

„Na, also wenn das mal nicht deine nächste Clownsnummer wird, fress ich 'nen Besen!“, prophezeite Dolores fröhlich und fegte mit einer energischen Geste ihre dunkle Mähne zur Seite. Ihre grünen Augen blitzen amüsiert.

„Stimmt! Das isch die Idee! Mer könnt no ...“, der Rest ging in unverständlichem Gemurmel unter. Nachdenklich fuhr sich Urs durch sein angegrautes Kraushaar.

„Dann musst du aber unbedingt mit Flipflips Arsch zusammenstoßen, das wär viel lustiger!“, riet ihm Felicitas und schlug sich begeistert auf die dünnen Schenkel.

„Hinterteil“, korrigierte Dolores mit hochgezogenen Brauen.

„Das isch es!“ Urs schnippte zustimmend mit den Fingern, die blauen Augen blitzen spitzbübisch. „Das wird dä Leut gefalle.“ Zufrieden strich er sich über sein rundliches Bäuchlein.

„Zweifelsohne wird es das“, ließ sich Alarico hoheitsvoll vernehmen und sein Tonfall verriet überdeutlich, was er von einem Publikum hielt, welches an derlei Scherzen Vergnügen fand. Seine abweisende Aura umhüllte ihn wie ein düsterer Kokon.

„Alter Miesepeter“, lachte Urs unbekümmert. „Jemand müess die Leut ja wieder aufheitere, wenn sie von deine Zauberkunststückli völlig eigeschüchtert sinn!“

Alarico äußerte sich nicht weiter dazu, sondern nahm das versteckte Kompliment mit einem leichten Ruck des Kopfes entgegen. Das Sonnenlicht reflektierte dabei in kühlen Glanzlichtern auf seinem streng mit Pomade zurückfrisierten, lackschwarzen Haar. In erhabener Haltung schnippte der Magier einen impertinenten Krümel von seiner gepflegten, ganz in Schwarz gehaltenen Erscheinung.

„Was hältst du davon, Felicitas zu deiner persönlichen Jux-Beraterin zu machen?“, mischte sich Riki ein. „Ich schätze, das würde sie wesentlich lieber tun, als für ihre Auftritte als Schlangenmensch zu üben.“

„Wär ich sofort dabei!“, bestätigte der Rotschopf sogleich. „Also wenn du mal eben ein gutes Wort für mich bei meiner lieben Frau Mutter einlegen tätest ...“ Ebenso lässig wie hoffnungslos deutete sie mit dem Daumen auf Dolores. Ihrem Gesichtsausdruck war klar zu entnehmen, dass sie die Bevormundung einer so-gut-wie Fünfzehnjährigen als längst nicht mehr angemessen empfand.

„Aber natürlich, du kannst jederzeit tun und lassen, was immer du willst“, ließ sich Dolores spöttisch vernehmen.

„Haha, sehr witzig.“ Schmollend wandte Felicitas ihr kupferrotes Haupt ab. „Komm, Taz, wir gehen!“ Damit sprang sie auf und der gescheckte Mischling, der zu ihren Füßen lag, folgte ihr mit erwartungsvollem Gebell. Flipflip, der sich nach dem Verzehr seines Brotes wieder der Gruppe näherte, überlegte kurz, ob es lohnte sich den beiden anzuschließen, entschied sich jedoch dagegen.

„So, das isch üs letztes Brot gsi“, kam Urs auf den Kern des Problems zurück und schob Flipflips Nase beiseite, die sich hoffnungsvoll über seine Schulter schmuggelte.

„Wie wärs mit Pfannkuchen?“, schlug Riki vor.

„Gute Idee!“, rief Dolores und klatschte erfreut in die Hände, dass ihr üppiger Busen wogte.

„Au ja, Pfannkuchen!“, rief Felicitas aus der Ferne und kehrte schleunigst zurück.

„Pfannkuchen?“, ließ sich Gregor vernehmen, der postwendend neugierig den Kopf aus dem Wagen steckte, dicht gefolgt von Ramiro.

Und sogar auf Alaricos Gesicht, der sich unbeobachtet wähnte, machte sich ein entzückter Ausdruck breit, den er jedoch schnellstmöglich wieder in seine Schranken wies.

„Einstimmig angenommen!“, jubelte Riki und ihre blauen Augen leuchteten. Sie liebte Pfannkuchen über alles.

Urs erhob sich gemächlich, um die notwendigen Utensilien zu holen, und kurze Zeit später schwebte ein köstlicher Duft über dem Lager. Ein goldgelber Pfannkuchen nach dem nächsten brutzelte verheißungsvoll in der gusseisernen Pfanne, um, kaum dem feurigen Ort seiner Entstehung entkommen, seine Bestimmung zu erfüllen.

„Jetz isch gnue! Nimm sofort es Pfötli aus dä Schüssel, odrr!“, wies Urs das braune Äffchen an, das behände auf seine Schulter geklettert war und sofort neugierig die Finger in den Teig gesteckt hatte, bevor er es verhindern konnte. Nun betrachtete Uri argwöhnisch die zähflüssige Masse, die an ihrer Pfote klebte. In ihren winzigen Hosen, dem weißen Hemdchen und der roten Weste wirkte sie dabei wie ein schlecht gelaunter Kobold, der sich ordentlich in Schale geworfen hatte. Vorsichtig probierte sie von dem pappigen Zeug. Das schwarze Gesichtchen verzog sich augenblicklich zu einer angewiderten Grimasse und das Äffchen versuchte, sich des widerstrebenden Teiges an Urs Flickenwams zu entledigen.

„Lass das sii!“, schimpfte Urs, doch dabei breitete sich ein gutmütiges Lächeln auf seinem Gesicht aus. Uri sprang zeternd von seiner Schulter.

Das nächste Opfer war Ramiro, an dessen schwarzer Hose sich Uri von ihrem Problem zu befreien gedachte.

„Nix da, du Frechdachs“, lachte dieser, und bevor Uri irgendwelchen Schaden anrichten konnte, schnappte er sich das dreiste Untier und warf es kurzerhand in den nächsten Baum. Beleidigtes Gezeter war die Antwort.

Riki bog sich vor Lachen. Vor ihrem inneren Auge erschien die gleiche Szene, nur dass das verschmierte Äffchen diesmal versuchte, sich an ihren Mitschülerinnen im Mädchenpensionat zu säubern. Uris Gezeter wäre sang- und klanglos im trommelfellzerfetzenden Gekreische der Mädchen untergegangen!

Riki liebte es, wenn die Zirkusleute auf diese Art zusammensaßen. Ein zufriedener Seufzer entrang sich ihrer Brust.

„Jetzt erspar uns aber den Sermon, wie prima es dir bei uns gefällt!“, reagierte Felicitas prompt, ein schelmisches Zwinkern in den Augen.

„Nein, eigentlich bereut sie es zutiefst“, nahm Ramiro die Vorlage theatralisch auf. „Nur dann, wenn sie mit mir zusammen ist, hat ihr ständiges Hadern ein Ende und ihr tristes Dasein erhellt sich!“ Das begleitete er mit entsprechend überzogenen Gesten.

„Du Spinner!“, protestierte Riki, wurde jedoch von Gregor unterbrochen, der den Faden begeistert aufnahm.

„Ah, ich verstehe. Dann seid Ihr, Junker Ramiro, folglich das fleischgewordene Lebenselixier der holden Maid, die Euch mit ihrem ganzen Streben und Tun bedingungslos untertan ist und ihren Lebensinhalt in der Erfüllung Eures Glückes findet? Wie es sich für ein braves Weib geziemt?“

„Selbstverständlich!“, warf sich der kleine Spanier selbstgefällig in die Brust. „Die holde Maid ist mir so unglaublich untertan, dass sie es niemals wagen würde, sich meinen Wünschen zu widersetzen. Sie ...“

Doch weiter kam er nicht, da Riki schon mit einer Handvoll Pfannkuchenteig auf Ramiro zuflog, um ihm diesen in den Mund zu stopfen.

Riki hatte die letzten Monate deutlich an Schnelligkeit zugelegt, sodass Ramiro ihr Unterfangen nur teilweise vereiteln konnte. Die beiden kullerten kichernd über den Boden, bis Riki obenauf saß.

„Ja, ganz offensichtlich: Das würde sie niemals wagen! Was sagst du nun zu deiner Situation?“, triumphierte sie.

„Ich sage, BÄH! Wie kann ein Pfannkuchen so lecker schmecken, wenn der Teig so scheußlich ist!“ Der kleine Artist grinste sie ebenso dreist wie teigverschmiert an.

„Ist das alles, was dir dazu einfällt?“

„Ja. Aber du solltest unbedingt mal probieren.“ Und ehe sich Riki versah, hatte Ramiro sie herumgewirbelt und küsste sie stürmisch.

„BÄH!“, prustete Riki nun ebenfalls, als sie endlich die Gelegenheit dazu bekam.

„Also, wenn deine Geliebte deine feurigen Küsse nur mit einem 'BÄH' kommentiert, dann solltest du dringend deine Technik überarbeiten“, mischte sich Gregor feixend ein.

„An der Technik ist nichts auszusetzen. Ich schätze, es liegt an Urs' Kochkünsten“, antwortete Ramiro, die Stirn spielerisch in nachdenkliche Falten gelegt.

„Oh, lass mich da bloß raus, odrr!“, wehrte der Beschuldigte spornstreichs ab und hielt schützend seine Teigschüssel vor sich.

„Pah, Teig hin oder her, die treiben’s ja gleich eh wieder wie die Karnickel. Ekelhaft!“, ließ sich Felicitas naserümpfend vernehmen.

Riki und Ramiro schauten sich an und brachen in schallendes Gelächter aus.

„Felicitas, das sind wahrlich nicht die Themen, die mir für dich geeignet scheinen“, tadelte Alarico derweil die Vorwitzige. Verdruss flackerte in seinen schwarzen Augen.

„Ach, und warum bitte nicht?“, gab diese prompt patzig zurück.

„Weil du noch zu jung dazu bist!“, mischte sich nun auch Dolores ein, einen energischen Ausdruck auf dem Gesicht.

„Das ist ja mal was ganz Neues. Und wie lange bin ich denn noch zu jung dazu?“ Felicitas braune Augen funkelten kampfbereit und ihr Kupferhaar stäubte sich streitlustig.

„Ah, eine berechtigte Frage“, unterbrach Ramiro, bevor der in letzter Zeit so häufige Streit eskalieren konnte. „Lass es uns doch einmal ausprobieren!“

Mit diesen Worten griff er beherzt in die Teigschüssel, schmierte sich den Teig quer über den Mund und näherte sich Felicitas in der offensichtlichen Absicht, sie zu küssen.

Entsetzt quiekend sprang diese auf. „BÄH, bleib bloß weg!“

„Aber ja, eindeutig noch zu jung“, wandte er sich mit Kennermiene an Dolores und wischte sich den Teig aus dem Gesicht.

Diese warf lachend den Kopf in den Nacken und vergaß rundweg, wütend zu werden. Felicitas versuchte zwar, mit einem hochfahrenden „Idiot“ zu demonstrieren, wie kindisch hier jeder außer ihr war, konnte sich jedoch ein Schmunzeln nicht völlig verkneifen.

„Ich an deiner Stelle würde mir langsam mal ernsthaft Gedanken machen, wenn alle Frauen auf meine Annäherungsversuche mit einem aufrichtigen 'BÄH' reagieren würden“, frotzelte Gregor und die blauen Augen in seinem Engelsgesicht blitzten vor Übermut.

In dem Moment stolzierte Soraya, Dolores' schwarze Katze, hoch erhobenen Schwanzes an Ramiro vorbei, und ließ direkt vor ihm ein recht verächtlich klingendes „Miau“ ertönen. Ohne sich länger aufzuhalten, sprang sie auf Dolores' Schoß, wo sie sich zufrieden schnurrend auf dem knöchellangen, in kräftigen Farben gemusterten Rock einrollte.

„Erspar mir die Übersetzung dieses 'Miaus'“, stöhnte Ramiro ergeben. „Ich hab verstanden, ich geh ins Kloster.“

„Dafür ist es für deine verlorene Seele eh zu spät, die wollen dich nicht mehr. Glaub mir, ich kenne mich da aus!“, sprach Gregor gar priesterlich und ließ demonstrativ die Kordel seiner einstigen Mönchskutte durch die Finger gleiten.

„Wer will es nächste Pfannküchli?“, beendete Urs das Gefeixe wirkungsvoll.

 

Nachdem der letzte Pfannkuchen vertilgt war, räumten die Gaukler die wenigen verbliebenen Sachen in die Wagen und spannten die Pferde an. Nun ging es also auf zur Stadt der Gaukler!

Riki konnte es kaum erwarten, den legendären Ort endlich zu sehen.

Doch ein heftiges Unwetter zwang sie bei gut der Hälfte der Wegstrecke, ihre Fahrt zu stoppen. Am späten Nachmittag beruhigte es sich zwar etwas, doch die Wege waren so aufgeweicht, dass man ans Weiterfahren nicht zu denken brauchte.

Riki war teils enttäuscht und teils erleichtert. Auf der einen Seite war ihre Neugierde auf die legendäre Stadt und die große Versammlung der Gaukler unbezähmbar. Aber auf der anderen Seite rückte die Entscheidung unaufhaltsam näher, ob Ramiros Leben nun verwirkt war oder nicht. Und mit jeder Meile, die sie sich der Stadt näherten, wuchs ihre Sorge um den Geliebten.

Doch es war merkwürdig. Je näher sie der Stadt kamen, desto mehr fiel das düstere Brüten von Ramiro ab, das in den letzten Monaten fast zu seinem Hauptcharaktermerkmal geworden war. Rikis Anwesenheit war das Einzige gewesen, das ihm Halt zu geben schien und ihn auf andere Gedanken bringen konnte. Und nur ihre aufrichtige Liebe zu ihm hatte es ihr ermöglicht, dem ständig vor sich hingrübelnden Ramiro diesen Halt auch zu geben. Allerdings beunruhigte sie die nahezu heitere Gelassenheit, der sein düsteres Brüten gewichen war, fast noch mehr.

Doch womöglich war er es einfach leid, die Entscheidung wie ein Damoklesschwert über sich hängen zu haben. Oder aber er rechnete sich reelle Chancen aus, den Karneolvogel in der Stadt der Gaukler zurückzubekommen. Denn bisher waren sie dem Hütchenspieler niemals nahe genug gekommen, um das wertvolle Artefakt an sich zu bringen. Allerdings war sein Ziel klar, und dort, in der Stadt der Gaukler, würde er ihnen nicht mehr entkommen.

Aber warum tat sich Ramiro die ganze Jagd überhaupt an? Wieso setzte er sich der Entscheidung des Rates der Gaukler aus? Weshalb floh er nicht einfach und ließ die Versammlung Versammlung sein? Daran gedacht hatte er bestimmt schon. Riki wunderte sich ernsthaft, dass ihr das erst jetzt auffiel. Bei nächster Gelegenheit würde sie Ramiro unter vier Augen danach fragen.

Doch im Moment war nicht daran zu denken, da außer ihnen beiden auch noch Gregor und Felicitas im Wagen festsaßen und das Ende des unaufhörlich auf die Plane niederprasselnden Regens abwarteten.

Hörprobe: Die Reise des Karneolvogels - Die Stadt der Gaukler

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Leseprobe: Die Reise des Karneolvogels - Der Wanderzirkus

„Junge Dame, es wird Zeit ein für alle Mal mit diesen Kindereien aufzuhören, das schickt sich nicht! Du bist siebzehn Jahre alt und damit kein Kind mehr! Nein, ein solches Verhalten schickt sich einfach nicht! Ich weiß beim besten Willen nicht mehr, was ich mit dir machen soll. Du wirst so lange hier drinnen bleiben, bis du vernünftig geworden bist!“

Mit diesen Worten schlug Oberin Margret die Tür des Besinnungsraums hinter Riki zu. Riki lauschte dem wohlbekannten Drehen des Schlüssels im Schloss und setzte seufzend das Nähkörbchen auf dem wackeligen Holztisch ab.

„Bis ich vernünftig geworden bin? Also mindestens mal bis in alle Ewigkeit“, murmelte sie und strich sich verärgert eine widerspenstige braune Locke aus der Stirn. Sie wünschte sich, diese Worte nicht nur zu murmeln, sondern sie der Oberin selbstbewusst entgegenzuschleudern, woraufhin diese schockiert die Tür öffnen und Riki sprachlos und resigniert für immer in Ruhe lassen würde.

Utopisch. Sowohl, dass Riki offen widersprach, als auch, dass man sie in Ruhe ließe.

Wäre sie ein Junge, hätte sich niemand daran gestört, dass sie auf einen Baum geklettert war. Aber für eine Dame höheren Standes schickte sich das nun überhaupt nicht. Diese hatte unter dem Baum zu warten, bis ein edler Prinz des Weges kam, um ihr den gewünschten Apfel zu pflücken. Kam er nicht, musste sie sich eben so lange in sehnsüchtigen Seufzern verzehren, bis sie verhungert war!

 

Gut, in Rikis Fall waren zwar keine Äpfel auf dem Baum und sie war völlig ohne Grund hinaufgeklettert, aber warum musste immer alles einen Grund haben? Wieso bitteschön, durfte man sich nicht einfach nur vergnügen? Man schrieb das Jahr 1898, zwei Jahre vor der Jahrhundertwende und es wurde bestraft, wenn man zu seiner bloßen Erbauung einen Baum bestieg. England rühmte sich bei jeder Gelegenheit seiner Fortschrittlichkeit, aber Damen in Bäumen, das verkraftete die Fortschrittlichkeit dann auch wieder nicht!

Oh ja, sie hatte dabei ein klaffendes Loch von der erschröcklichen Größe eines viertel Fingernagels in ihre blütenweiße, gestärkte Schürze gerissen. Diese albernen Schürzen, auf die sie hier im Pensionat so viel Wert legten! Das war unverzeihlich, irreparabel und wahrlich einer Bestrafung würdig.

Riki schnaubte verächtlich.

 

Mit größerem Bedauern hingegen strich sie über einen unter der Schürze verborgenen Riss in ihrem geliebten Kleid aus braunem Kattun. Von ihrer gesamten Garderobe war es bei Weitem am bequemsten und obendrein betrachteten es ihre Mitschülerinnen ob seiner praktischen Schlichtheit immer mit einem gewissen Naserümpfen. Weswegen sie es erst recht mochte.

Umgeben von Gleichaltrigen, deren einzige Themen Aussehen, Putz und ihre Aussicht, einen Mann zu ergattern waren, fühlte Riki sich so fehl am Platz wie ein Schweinemetzger auf einem arabischen Basar.

Sie begann sich sogar schon zu fragen, ob es normal war, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Vor allem, wenn sie über die obigen Themen hinausgingen. Obwohl sie sich wirklich gerne ihre eigenen Gedanken machte. Wäre da nicht noch ihre Freundin Myra gewesen, die ebenso wie Riki lieber erst einmal sehen wollte, was das Leben und die Welt da draußen zu bieten hatten, dann hätten Rikis Selbstzweifel unausweichlich irgendwann überhand gewonnen.

Jeder Tag, den sie länger im Pensionat verbrachten, war ein verlorener Tag. Und vor allem brachte er sie ihrer Heirat mit den bereits für sie ausgesuchten Verlobten näher.

Ein Ereignis, das es um jeden Preis zu verhindern galt.

 

Myras Eltern hatten ihre Tochter schon seit Längerem mit einem distinguierten Industriellen Anfang dreißig verlobt und bestanden darauf, dass Myra ihn heiratete, sobald sie die Schule beendet hatte. Sprich in exakt drei Monaten.

Aber dann würden sie nicht mehr hier sein. Schon lange nicht mehr. Denn es hatte sich vor Kurzem endlich die seit einer Ewigkeit ersehnte Gelegenheit geboten, wie sie und Myra von hier verschwinden konnten. Keinen Moment zu früh.

 

Für Riki gab es zwar noch keinen konkreten Hochzeitstermin, doch ihr Onkel Theodore, der seit dem Unfalltod ihrer Eltern ihr Vormund war, hatte bereits einen geeigneten Bewerber gefunden. „Bereits“ war gut, denn der arme Onkel war schon seit zwei Jahren in größter Sorge, wie er Rikis Zukunft absichern konnte. In seinen Augen waren Frauen unselbstständige, hilflose Geschöpfe, die man möglichst schnell verheiraten musste, um ihr Überleben zu garantieren. Leider dachte nicht nur er so, sondern die gesamte viktorianische Gesellschaft. Eine Frau der gehobenen Schicht, aus der Riki stammte, bereitete ihrem Mann sogar Schande, ginge sie arbeiten. Immerhin war es Frauen seit einigen Jahren gestattet, das Eigentum behalten zu können, welches sie mit in die Ehe brachten. Es ging nicht mehr automatisch auf den Ehemann über. Dennoch blieben sie von ihm abhängig, da es ihnen weder erlaubt war ein eigenes Bankkonto zu haben, noch Verträge zu unterschreiben. Ein Wunder, dass sie überhaupt alleine die Straße überqueren durften!

Riki knirschte mit den Zähnen. Was, ganz nebenbei, selbstredend fürchterlich undamenhaft war.

 

Trotz seiner, nun ja zeitgemäßen Ansichten, mochte Riki ihren Onkel. Er war ein ehrlicher, hart arbeitender Geschäftsmann, der immer dort half, wo Not am Mann war. Auch für Riki wollte er nur das Beste. Leider bestand das in seinen Augen nun einmal in einer aussichtsreichen Heirat - und zwar ausschließlich darin.

Und da wurde es, nach Ansicht von Theodore Speeter, für Riki mit ihren siebzehn Jahren gefährlich eng. Doch da erschien lichtumstrahlt Adalbert Minder, Rikis rettender Ritter. Beziehungsweise der rettende Ritter ihres Onkels, da sie nicht das Bedürfnis verspürte, gerettet zu werden.

Adalbert war der fleißige und ehrgeizige Sohn eines Geschäftspartners, der mit seinen zweiundzwanzig Jahren bereits eigene Verantwortung im Geschäft seines Vaters trug. Der ideale Kandidat.

Er war wohlerzogen, ruhig, zuvorkommend - und jedes Mal wenn Riki ihn sah, langweilte er sie zu Tode. Sie hatte nichts gegen ihn. Nur war er mit seinem ausschließlichem Interesse für Bilanzen und seiner fantasielosen, gesetzten Art das genaue Gegenteil der lebenslustigen, energiegeladenen und altersbedingt grenzenlos romantischen Riki.

Adalbert wiederum mochte sie sehr und Riki befürchtete bei jedem Besuch, dass er um ihre Hand anhalten würde. Bis jetzt hatte er sich, Gott sei Dank, noch nicht gewagt, allerdings war es nur eine Frage der Zeit. Aber was sollte sie bloß mit einem Bräutigam, der jedes Mal, wenn sie ihn ansah, scheu zu Boden blickte? Das war doch eigentlich die Rolle, die die Gesellschaft ihr zugedacht hatte!

Riki war sich nicht im Mindesten bewusst, welchen Eindruck der kecke Blick ihrer blauen Augen auf den jungen Mann machte. Adalbert hätte stundenlang Rikis schmales, ansprechendes Gesicht mit den frechen Sommersprossen betrachten können, doch das erschien ihm unangebracht. Abgesehen davon schüchterte sie ihn ein. Aber das musste ja niemand wissen.

 

Zu Rikis Verdruss gab es keine „vernünftigen“ Gründe, ihn abzuweisen. Er war eine gute Partie, jung, nett, fleißig und mit hervorragenden beruflichen Aussichten. Sie hätten in einem schönen Haus im Wohlstand gelebt und dieser farblose Grottenolm würde sie sicherlich gut behandeln. Obendrein wäre die Geschäftsbeziehung zwischen ihrem Onkel und Adalberts Vater gesichert. Wobei man der Gerechtigkeit halber bemerken musste, dass es Onkel Theodore darauf nicht ankam.

Das alles interessierte Riki nicht. Sie wollte frei sein, etwas von der Welt sehen und eigene Erfahrungen sammeln. Warum sollte dies nur Männern vorbehalten sein! Außerdem sah sie keinen Sinn darin, ihr Lebensziel darin zu suchen, das lächelnde Beiwerk irgendeines Mannes zu sein, den sie obendrein nicht einmal liebte.

 

Riki schüttelte ihre unangenehmen Überlegungen ab. In der gehobenen viktorianischen Gesellschaft waren ihre Chancen, Einfluss auf ihre Zukunft zu nehmen, vergleichbar mit denen eines Nichtschwimmers, unbeschadet den Ärmelkanal zu durchkraulen. Und das trieb sowohl Riki als auch Myra gleichermaßen in den Wahnsinn. Daher hatten sie angefangen, die ausgefeiltesten Fluchtpläne zu schmieden. Bloß enthielt bislang keiner dieser Pläne eine wirklichkeitsnahe Möglichkeit, wie sie nach ihrer Flucht ihren Lebensunterhalt sichern konnten.

Bis vor Kurzem.

Eines Abends schlichen sich die Freundinnen heimlich aus dem Pensionat, um die Vorstellung eines Wanderzirkus anzusehen. Der prickelnde Reiz dieses Abenteuers, die glitzernde, märchenhafte Welt der Gaukler, die fremdartigen Gerüche und Klänge und die atemberaubende Darbietung, hatten einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck in ihren hoffnungslosen Seelen hinterlassen.

So und nicht anders wollten sie leben! Und plötzlich wussten sie genau, was sie tun wollten. Sie würden sich als Knaben verkleiden, aus dem Pensionat und ihrem bisherigen Leben ausbrechen und mit einem Zirkus mitziehen.

Seit diesem Entschluss eigneten sich beide ebenso heimlich wie besessen Fertigkeiten an, die ihnen dafür nützlich erschienen.

Riki durchquerte das kleine Zimmer bereits recht entschlossen auf den Händen, was schon erstaunlich gut klappte. Zumindest wenn man davon absah, dass sie wegen des langen Rockes, der über ihren Kopf gefallen war, gar nichts sehen konnte.

Riki musste bei dem Gedanken, was für ein Bild sie abgab, in sich hineinschmunzeln. Ein kopfstehendes Kleiderbündel, aus dem zwei spitzenbeunterhoste Beine herausragten, welches sich ziellos durch ein schmuckloses Zimmerchen bewegte. Reichlich undamenhaft. Obendrein gehörte auf den Händen zu laufen selbstredend nicht zu den Fertigkeiten, die eine gute Ehefrau benötigte!

Umso besser. Riki war es durchaus bewusst, wie kindisch es war, dass sie alles mit grimmiger Befriedigung erfüllte, was den Lernzielen des Pensionats möglichst entgegengesetzt stand, aber sie genoss es trotzdem.

 

Riki hakte, immer noch auf den Händen stehend, einen Fuß in den Henkel des Nähkorbs, hob ihn an und stellte ihn vorsichtig ein Stück weiter auf dem Tisch wieder ab.

Gar nicht übel, dachte sie amüsiert. Wenn ich den Riss im Kleid jetzt noch mit den Füßen zusammennähen könnte, dann hätte ich meine Zirkusnummer.

Prustend und reichlich undamenhaft ließ sie sich auf den Boden plumpsen, richtete sich jedoch gleich wieder auf.

 

Riccarda Speeter, rief sie sich zur Ordnung, Schluss mit den Spielchen. Endlich ist es so weit: Seit gestern gastiert ein Zirkus in der StadtDas bedeutet, Myra und du werden Ende dieser Woche mit ebendiesem Zirkus verschwunden sein und ein neues Leben beginnen!

 

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