Kurzgeschichten


Lesesnack gefällig? Oder doch lieber eine Kurzentführung aus dem Alltag?

Hier gibt's kleine Kurzgeschichten von mir, die immer mal wieder ergänzt oder ausgetauscht werden.


Morgenröte und Tausendschnitt

Im Reich eines Elfenkönigs, dessen Name schon längst in Vergessenheit geraten ist, lebte ein berühmter Krieger, dessen Namen noch heute alle Elfen mit Ehrfurcht aussprechen: Tausendschnitt.

Dieser Krieger war so tapfer, dass ihm keine Gefahr zu groß, kein Feind zu mächtig und kein Wagnis zu riskant war, als dass er sich nicht lachenden Auges mitten hineingestürzt hätte.

'Das ist wahrer Heldenmut', sagten die einen. 'Das ist große Dummheit', sagten die anderen. 'Er ist ein Kind der Götter, geschickt, damit er uns Ruhm und Reichtum bringt', sagten die dritten.

Denn es stimmte, Tausendschnitt ging aus jedem Kampf als Sieger hervor und kehrte aus jeder Schlacht als Held zurück. Ob er gegen einen, gegen hundert, oder gar gegen tausend Mann stand, er verlor nie. Gerade so, als ob der Tod ihm aus dem Weg ginge.

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Doch war Tausendschnitt nun ein Held oder ein Dummkopf? Oder war er wirklich ein Kind der Götter, das dem Elfenvolk zu Ruhm und Reichtum verhalf?

Wie so oft im Leben stimmte nichts von alledem. Es war kein Heldenmut, der ihn antrieb. Es war Mutlosigkeit. Es war auch keine Dummheit; sondern Unglück. Und er war kein Kind der Götter - er war verflucht.

Tausendschnitt wollte nur eines: nämlich sterben. Das war sein einziger Antrieb, schon seit vielen hundert Jahren. Mittlerweile zählte er über 600 Lenze - sprich, er war ein Elfenmann in der Blüte seiner Jahre. Er hatte mehr Reichtum, Ruhm und Ansehen erlangt, als man in einem Leben brauchte, und jede Elfenfrau im Reich lag ihm zu Füßen. Dennoch - er war nicht glücklich. Und er würde es niemals mehr werden.

Bei den Elfen ist es ein Naturgesetz, dass ein Elf, sei es Mann oder Frau, nur dann glücklich sein kann, wenn er seine wahre und einzige Liebe, seinen Seelengefährten findet und mit ihm den Bund eingeht.

Für jeden Elfen gibt es in seinem ganzen langen Leben nur einen einzigen Seelengefährten. Mancher findet ihn schon in sehr jungen Jahren und mancher erst gegen Ende seines Lebens. Die meisten allerdings irgendwo dazwischen. Man sagt, wenn ein Elf seine wahre Liebe noch nicht getroffen hat, so kann er dennoch glücklich sein - denn er weiß ja noch nicht, was wahres, pures Glück wirklich ist. Und auch ein Elf, der seine wahre Liebe gefunden hat, den Bund mit ihr eingegangen ist und dem sie dann wieder genommen wurde, der kann dennoch irgendwann wieder glücklich werden; denn er durfte in seinem Leben erfahren, wie sich das Glück in seiner reinsten Form anfühlt. Doch wehe dem Elfen, der seinen Seelengefährten zwar erkannt hat, aber sich weigert, den Bund mit ihm einzugehen! Denn dieser kann zwar sehr alt, aber niemals glücklich werden. Denn irgendwo, in einem tief versteckten Winkel seiner Seele weiß er, dass ihm etwas fehlt.“

 

„Tausendschnitt war noch ein sehr junger, sehr ungestümer, sehr begabter und leider auch sehr arroganter Krieger, als er Morgenröte als seine Seelengefährtin erkannte.

Sein Interesse galt dem Schlachtfeld. Er wollte Abenteuer, Ruhm und Reichtum anhäufen und sich nicht mit der Liebe belasten, wie er es damals ausdrückte. Sein Herz drängte ihn, es verzehrte sich nach Morgenröte und ließ ihm keine Ruhe. Doch er weigerte sich, auf es zu hören - ja, vielmehr fühlte er sich von seinem flehenden Herzen sogar in seinem vermeintlichen Glück als gefeierter Krieger gestört.

Nun wäre es durchaus möglich gewesen, den Bund mit Morgenröte auch ein paar Jahrzehnte später einzugehen. Diese Wahl haben Elfen, doch nur wenige nutzen sie je, denn wer verschiebt sein Glück schon gerne nach hinten?

Aber selbst dieser Aufschub war Tausendschnitt zu gering. Sein Glück lag in der kalten Gefahr der Schlacht, nicht in den warmen Armen einer Frau! Er wollte den Bund um nichts in der Welt eingehen, da er glaubte, dass es das eine nur ohne das andere geben könne.

So kam es, dass er beschloss, die naturgegebene Ordnung der Dinge zu ändern und die wahre Liebe, die sie verband, zu vernichten.

Dafür suchte er eine mächtige und böse Zauberin auf.

Sie war einverstanden, den Zauber zu wirken, der ihre Seelen trennen sollte. Doch um die Trennung zu vollziehen, mussten sowohl Tausendschnitt als auch Morgenröte etwas opfern, das ihnen am liebsten war.

Tausendschnitts Opfer hatte sie bereits. Er war bereit, sein wahres Glück zu opfern, auch wenn er nicht wusste, was das wirklich bedeutete.

Morgenrötes liebste Freunde waren ihre Wunschflirrer. Zarte, schmetterlingsähnliche Geschöpfe, mit gutmütigen Gesichtern, die in allen Farben des Regenbogens schillerten. Sie waren unglaublich selten und besaßen die Fähigkeit, kleine Wünsche zu erfüllen. Doch so selten sie auch waren, sie liebten Morgenröte und wurden von ihr angezogen wie Bienen vom Nektar, sodass immer ein oder zwei von ihnen sie umschwirrten. Sie wiederum hegte und pflegte die kleinen Kerle, spielte mit ihnen und schützte sie. Aber sie sprach niemals einen Wunsch aus, denn das Erfüllen eines Wunsches entzog ihnen die Lebenskraft und sie mussten sterben.

Die Wunschflirrer waren Morgenrötes beste Freunde, und daher würde sie Tausendschnitt niemals freiwillig einen von ihnen überlassen. Doch weil es sich um einen bösen Zauber handelte, musste das Opfer nicht freiwillig erbracht werden. Es reichte, dass Tausendschnitt einen von Morgenrötes Wunschflirrern stahl und der Zauberin brachte. Er wusste, dass es seine Seelengefährtin zwar schmerzen würde, einen ihrer kleinen Freunde zu verlieren; doch eines von den einfältigen Insekten gegen sein zukünftiges Glück auf dem Schlachtfeld, schien ihm ein geringer Preis. Sie würde schon darüber hinwegkommen, denn es würde sich bestimmt schon bald ein neuer Wunschflirrer zu ihr gesellen.

So geschah es, dass Tausendschnitt beim nächsten Vollmond mit dem gefangenen Wunschflirrer zu der Zauberin ging.

Sie nahm das zarte Wesen an sich und wünschte sich einen Krug.

„Warum wünschst du dir einen Krug?“, fragte Tausendschnitt entgeistert, während er beobachtete, wie der Wunschflirrer langsam seine Farben verlor.

Die böse Zauberin zuckte lediglich die Schultern und warf den Krug auf den Boden, wo er in tausend Stücke zersprang. „Es ist einerlei, was ich wünsche. Denn ich kann mir alles herbeizaubern, wonach mir der Sinn steht. Diese Kreatur ist nur das notwendige Opfer für den Zauber.“

In dem Moment bemerkte Tausendschnitt den Ausdruck auf dem Gesichtchen des nunmehr grauen Wunschflirrers, mit dem dieser den zerschellten Krug ansah, und ein nagendes Schuldgefühl bohrte sich in sein Inneres. Kurz darauf sackte das kleine Wesen lautlos in sich zusammen und starb. Unbehagen bemächtigte sich Tausendschnitts, doch es war zu spät; der Zauber hatte bereits begonnen.

Im nächsten Augenblick wälzte sich Tausendschnitt in Höllenqualen auf dem Boden, die jegliche Vorstellungskraft überstiegen, und im gleichen Moment spürte er, dass es Morgenröte ebenso erging.

Was hatte er getan?! Ihm war, als ob ihm die Seele aus dem Leib gerissen und in zwei Hälften zerfetzt würde. Letztendlich war es auch genau das, was gerade geschah. Plötzlich verstand er, was er da soeben leichtfertig aus seinem Leben gestoßen hatte. Er spürte, wie er seinen Körper verließ und seine Seele zu Morgenröte wanderte. Sie lag reglos auf dem Boden, ihre Seele schwebte über ihrem Körper. Er wollte etwas sagen, doch er konnte nicht. Morgenrötes Seele berührte ihn, noch ein letztes Mal, und ihre verzweifelte Frage widerhallte in seinem Inneren: „Warum nur, Geliebter?“

Er wollte ihr antworten, doch er konnte sich nicht rühren.

„Du wirst erlöst werden, wenn du eine wahrhaft selbstlose Tat vollbringst“, hörte er sie sagen, bevor sie jählings in ihren Körper zurückfuhr und mit dem schlimmsten Schrei erwachte, den Tausendschnitt in seinem ganzen Leben gehört hatte. Im selben Moment fuhr er ebenfalls in seinen Körper zurück und die Schmerzen überwältigten ihn. Als er wieder zu sich kam, beugte sich die Zauberin über ihn.

„Nun, dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Du wirst endlich dein Leben der Schlacht widmen können. Du wirst unbesiegbar sein, dein Ruhm legendär und dein Einfluss grenzenlos.“ Damit verschwand sie und Tausendschnitt fand sich auf einer Wiese nahe seines Heims wieder.

Die fürchterlichen Schmerzen waren verschwunden, doch in seinem Inneren herrschte eine sonderbare Leere.

Als er Morgenröte das nächste Mal begegnete, fühlte er ihr gegenüber nichts Besonderes. Das beständige Drängen seines Herzens, sich mit ihr zu verbinden, existierte nicht mehr. Und auch in ihrem Blick lag lediglich mildes Desinteresse.

Er hatte erreicht, was er wollte und sollte sich jetzt endlich frei fühlen - doch diese Freiheit schmeckte schal.

Tausendschnitt wusste, dass hier etwas fehlte und dieses Wissen nagte an ihm. Allerdings bekam er nicht so recht zu fassen, was es genau war.

Nun hatte er endlich die ersehnte Freiheit, sein Glück als größter aller Krieger zu verwirklichen, ohne dass ihn sein Herz in die Arme einer Frau trieb. Aber plötzlich hatten auch der Kampf und die Schlacht ihren Reiz für ihn verloren.

Sein Körper war stark und unbesiegbar, er fühlte sich gut und man verehrte ihn ob seiner Erfolge. Doch er wusste, dass in seinem Leben etwas Wesentliches fehlte, und so waren seine Erfolge letztendlich für ihn selbst bedeutungslos. Alles was er tat fühlte sich zwar an, wie es sich immer angefühlt hatte - gleichwohl mit dem Unterschied, dass irgendetwas fehlte, von dem er einmal gewusst hatte, was es gewesen war. Aber es ließ sich nicht mehr greifen, und das raubte ihm langsam aber sicher jegliche Freude. Sein Leben hatte die Farben verloren, wie damals der Wunschflirrer, als er auf den zerbrochenen Krug starrte.

Morgenröte erging es ähnlich. Sie welkte innerlich dahin. Die Wunschflirrer hatten sie schon vor langer Zeit verlassen, doch es war ihr einerlei. Allerdings konnte sie auf diese Art nicht weiterleben und so erlosch ihr Lebensfunke nach und nach, bis sie eines Morgens einfach nicht mehr aufwachte.

Tausendschnitt berührte dies nicht sonderlich. Doch als ihm dies bewusst wurde, schrie irgendetwas in seinem Inneren plötzlich auf.

Er wollte so nicht mehr leben!

Er versuchte alles, sein Leben zu beenden. Aber er war unbesiegbar. Kein Gegner, keine Waffe, ja nicht einmal er selbst konnten ihm etwas anhaben.

Anders als bei Morgenröte, scheiterte sogar die grausame Leere in seinem Inneren daran, ihn aufzufressen und endlich, endlich niederzustrecken. Er lebte einfach immer weiter, errang Erfolg um Erfolg, Ruhm um Ruhm, ohne dass seine Seele Anteil daran nahm.

Doch eines Tages kamen ihm plötzlich, einem erfrischenden Sommerregen gleich, Morgenrötes letzte Worte an ihn in den Sinn: „Du wirst erlöst werden, wenn du eine wahrhaft selbstlose Tat vollbringst.“

Nun, das sollte ja nicht zu schwer sein. Ab sofort setzte er sich nach Kräften für die Armen und Schwachen ein. Aber es war wie verhext: Er konnte sich abrackern wie er wollte, er war nach wie vor unbesiegbar. Sein Leben klebte an ihm wie flüssiges Pech und ließ den erlösenden Tod nicht in seine Nähe.

Was war das nur? Was machte er falsch? Wie gut mussten seine Taten denn noch sein, um endlich erlöst zu werden? Oder hatte Morgenröte ihn in ihrem letzten Moment etwa verspottet?

 

Eines Tages, er war gerade unterwegs, um zu sehen, ob er bei einem anderen Elfenstamm womöglich irgendetwas Gutes tun konnte, hörte er plötzlich ein schwaches Stimmchen.

„Hilfe!“, rief es. Tausendschnitt hielt inne und blickte sich um, doch er konnte niemanden sehen.

„Hier unten“, sagte das Stimmchen.

Er schaute hinab, und tatsächlich, dort lag ein Wunschflirrer, einen Flügel hilflos unter einem Stein eingeklemmt.

Tausendschnitt erblickte ihn und wollte schon wütend weitergehen. Gute Taten hin oder her, bei Wunschflirrern hörte seine Hilfsbereitschaft auf. Einer von ihnen hatte ihm schließlich diesen Schlamassel eingebrockt! Außerdem, so einem Winzling zu helfen konnte ihn wohl kaum erlösen. Er drehte sich um und wollte seinen Weg fortsetzen.

„Nein, warte!“, wimmerte es hinter ihm, und irgendwie tat ihm der kleine Kerl dann doch leid.

Unwirsch stapfte er zu ihm, hob den Stein weg und wandte sich ab, um zu gehen.

„Oh je, das sieht schlimm aus“, jammerte der Wunschflirrer.

Tausendschnitt drehte sich unwillig um. „Was ist denn noch?“

„Mein Flügel“, lamentierte das Kerlchen. „Ich werde nie wieder fliegen können!“

Tatsächlich hing der schöne bunte Flügel zerfetzt und nutzlos an seiner Seite herab.

„Ja, und was soll ich da jetzt machen?“, schnaubte Tausendschnitt grob, doch irgendwie dauerte ihn das winzige Wesen, das dort so hilflos auf dem Boden vor ihm stand. Behutsam hob er es hoch und setzte es auf einen Ast.

„Kann ich denn irgendetwas für dich tun?“, fragte er es, schon bedeutend freundlicher.

Das Kerlchen schüttelte betrübt den Kopf. „Nein, ich fürchte nicht. Wir Wunschflirrer können nicht mehr lange leben, wenn unsere Flügel zerstört sind. Aber ich danke dir, dass du mich von dem Stein befreit hast. So kann ich wenigstens in den Bäumen sterben. Und wenn du dir was wünschst, dann geht es noch schneller.“

„Ich habe keine Wünsche, mein kleiner Freund“, sagte Tausendschnitt sanft. Denn er wusste aus Erfahrung, dass die Magie des Wunschflirrers nicht stark genug war, seinen einzigen Wunsch zu erfüllen.

„Wünsch dir irgendwas, sei es noch so sinnlos, aber lass mich hier nicht so zurück“, bat der Wunschflirrer und sah plötzlich sehr traurig aus. „Sonst muss ich die ganze Zeit an mein Mädchen denken, das ich nie wiedersehen werde.“

Tausendschnitt strich ihm mit einem Finger vorsichtig über den winzigen Kopf. Das kleine Wesen tat ihm ehrlich leid, aber es widerstrebte ihm, einen unnötigen Wunsch auszusprechen. Das erinnerte ihn zu sehr an die böse Zauberin und den zerbrochenen Krug. Doch er wollte dem Wunschflirrer gerne helfen, als ihm plötzlich eine Idee kam. Wäre es vielleicht möglich, dass ...? Er wusste nicht, ob es funktionieren würde, aber es war einen Versuch wert.

„Nun gut, ich wünsche mir, dass dein Flügel wieder heil wird.“

Zunächst geschah nichts, aber dann heilte der Flügel plötzlich wie von Zauberhand. Der Wunschflirrer bewegte ihn ungläubig.

Tausendschnitt starrte ihn an, in der bangen Erwartung, dass der Wunschflirrer nun seine Farbe verlieren und sterben würde.

Tatsächlich begannen seine Farben ineinander zu verlaufen, sich von ihm abzuheben und wie ein bunter Nebel um ihn herumzuwirbeln.

Oh nein! Tausendschnitt fühlte ein tiefes Bedauern, dass seine Idee nicht von Erfolg gekrönt war. Aber wenigstens hatte er so den Wunschflirrer von seinem Leiden erlöst.

Doch plötzlich senkten sich die wirbelnden Farben wieder auf das kleine Lebewesen herab und verbanden sich mit ihm, sodass es sogar noch viel prächtiger war als vorher.

„Oh, vielen, vielen Dank, das ist ja wunderbar! Du hast mich gerettet!“, jubelte das Kerlchen und hüpfte freudig auf und ab.

„Gerne geschehen, und nun flieg zu deinem Mädchen“, lächelte Tausendschnitt. Das ließ sich der Wunschflirrer nicht zweimal sagen und schwirrte glücklich von dannen. Tausendschnitt freute sich aufrichtig. Er hatte gehofft, dass wenn sich jemand etwas für den Wunschflirrer wünschte, dies seine Magie nicht aufbrauchen würde; und er hatte recht behalten. Tausendschnitt blickte den flirrenden Farben lächelnd hinterher, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwanden.

 

Als er sich umdrehte, um seinen Weg fortzusetzen, geriet er mit der Hand an das Netz einer waldlebenden Feenspinne, die sogleich erschreckt zubiss. Die waldlebende Feenspinne ist äußerst giftig und ihr Biss endet tödlich, doch das kümmerte ihn nicht, denn er war schon oft gebissen worden. Ungerührt setzte er seinen Weg fort. Aber nach ein paar Metern wurde ihm plötzlich eigentümlich zumute und er musste sich setzen. Der Wald um ihn herum verschwamm und er spürte, wie sich das Gift den Weg durch seinen Körper bahnte. Was war das nur?

Tausendschnitt verspürte keine Schmerzen, nur Verwunderung. Als das Gift sein Herz erreichte, hörte dieses einfach auf zu schlagen. Dem unbesiegbaren Helden des Schlachtfeldes schwanden langsam die Sinne. Doch bevor er völlig in der Dunkelheit verschwand, erschien in der Ferne ein Licht, aus dem seine geliebte Morgenröte trat und die Arme ausbreitete.

Tausendschnitt warf sich mit einem Aufschrei hinein, und plötzlich fühlte er sich wieder vollständig. Morgenröte war seine Seelengefährtin, und kein böser Zauber der Welt konnte das ändern. Von Morgenröte strömte reine, wahre Liebe aus und ihn erfüllte ein Glücksgefühl, wie er es noch nie empfunden hatte. Tausendschnitt begann hemmungslos zu schluchzen.

 

„Endlich hast du eine wahrhaft selbstlose Tat vollbracht, mein Geliebter“, flüsterte Morgenröte, während sie ihn wiegte wie ein kleines Kind.“


Einsames Halloween

Mit einem traurigen Lächeln schaute Anneliese Schneider der fröhlich durcheinanderplappernden Schar kleiner Hexen, Skelette, Gespenster und sonstiger Gruselgestalten hinterher, die neugierig in ihre prall gefüllten Tüten spähten.

Sie liebte die strahlenden Kinderaugen, wenn sie ihnen die Leckereien in die Tüten füllte. Und die Kinder kamen gerne zu ihr, denn sie war großzügig.

Mit einem Seufzen schloss sie die Tür und schlurfte zurück in ihr leeres Wohnzimmer. Dort ließ sie sich schwerfällig in ihren geblümten Fernsehsessel fallen und hievte ihre geschwollenen Beine auf das Schemelchen davor. Automatisch griff sie nach ihrem Strickzeug. Ach, jetzt hatte sie ihre Herztabletten vergessen! Egal, das würde sie nachher machen. Das Aufstehen war zu mühsam, als dass sie es extra wegen der Tabletten auf sich genommen hätte.

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Dies eben war wohl die letzte Geisterschar für heute gewesen. Es war schon ziemlich spät, und die durchgefrorenen Begleitpersonen würden heilfroh sein, die niedliche Gruselmeute endlich wieder nach Hause scheuchen zu können.

Anneliese erinnerte sich noch gut daran, wie anstrengend es war, die ausgelassene Monsterschar von Haus zu Haus zu begleiten, doch sie hatte es gern getan. Die Freude der Kinder, wenn sie etwas ergattern konnten; ihre Lästereien, wenn die Leute „irgendwie doof“ gewesen waren; und ihre getuschelten Beschwerden, wenn jemand es gewagt hatte, etwa „nur“ einen Apfel in die erwartungsvoll ausgestreckten Tüten zu stecken. Dies alles hatte sie für die Anstrengung mehr als entschädigt.

War es wirklich erst letztes Jahr gewesen, als sie ihren Enkel und dessen Freunde noch auf ihrem Halloween-Raubzug begleitet hatte? Tim war damals schon sehr krank, doch er liebte Halloween über alles. Wie hätte sie ihm diese Freude abschlagen können? Der Hirntumor hatte danach gerade noch zwei Monate gebraucht, um sein Werk zu vollenden. Die gleiche Art Tumor, die auch schon Annelieses Tochter auf dem Gewissen hatte.

Das Klappern der Stricknadeln und das Ticken der Wanduhr waren die einzigen Geräusche in dem stillen Zimmer. In dem viel zu stillen Zimmer.

Wenn das Schicksal nur ein klein bisschen weniger grausam gewesen wäre, würde ihr Enkel jetzt in seinem Zombiepiratenkostüm mit seinen Freunden auf dem Boden sitzen, den Mund voller Süßigkeiten und seine Schätze sichten. Dann wäre es nicht still im Wohnzimmer. Jeder würde den anderen damit überbieten, was er Tolles gefunden hatte.

„Boah, krass, echtes Blut!“

„Die giftigen Riesenspinnen sind viel besser, da kannst du nämlich von sterben!“

„Das Skelett krieg ich!“

„Guck' mal, Oma, Schleimaugen!“

Tim hätte heute länger aufbleiben dürfen und so viele Süßigkeiten essen, wie er wollte. Nun ja, fast so viele. Es sollte ja auch noch ein bisschen etwas übrig bleiben für den nächsten Tag.

Ein Klingeln an der Tür riss Anneliese aus ihren Gedanken. Nanu, noch eine Runde „Süßes oder Saures“? So spät?

Mit einem Ächzen erhob sie sich aus dem Sessel. Auf dem Rückweg durfte sie nicht vergessen, ihre Herztabletten zu nehmen! Sie griff nach der Schale mit Süßigkeiten auf der Anrichte und schlurfte mit müden Beinen zur Tür.

Der Türspion war verkratzt, doch er reichte allemal aus, um zu erkennen, dass drei Kinder vor der Tür standen. Anneliese schmunzelte. Die drei waren ihren Begleitern wohl ausgebüxt, um die Halloweennacht noch ein wenig länger auszureizen.

Sie öffnete die Tür. Im nächsten Moment fuhr ihre Hand zu ihrem Herzen und die Schüssel mit Süßigkeiten rutschte ihr aus den kraftlosen Fingern und zerschellte auf dem Boden.

„Tim?“, krächzte sie tonlos.

Der Knirps scharrte verlegen mit den Füßen und schaute schuldbewusst zu ihr auf.

„Bitte nicht schimpfen, dass ich so spät nach Hause komme, Oma. Aber wir durften nicht früher.“

„Wir ... spät ... durften ...?“

Sie schaute sich die anderen beiden Kinder an. Mit dem Mädchen, Vera, hatte sich Tim im Krankenhaus angefreundet. Sie war zwei Wochen vor ihm gestorben. Den Jungen kannte Anneliese auch. Es war der kleine Bastian aus der Nachbarschaft. Vor einem knappen Jahr wurde er auf dem Schulweg in ein Auto gezerrt und war seitdem verschollen. Der Fall wurde niemals aufgeklärt.

Anneliese war wie vor den Kopf geschlagen. Ihr Blick wanderte von einem Kind zum nächsten und sprang schließlich wieder zu Tim zurück.

„Bist du mir jetzt böse?“, fragte der Kleine ängstlich an seiner Lippe knabbernd und schaute sie dabei treuherzig an.

Annelieses Erstarrung löste sich schlagartig. Mit einem Schluchzer fiel sie vor Tim auf die Knie und zog ihn an sich. Er fühlte sich an wie Tim. Klein und weich, vielleicht ein bisschen kühl. Aber nur so kühl wie ein Kind, das an Halloween zu lange draußen gewesen ist.

„Nein, nein, natürlich bin ich dir nicht böse! Mein Liebling! Ich habe dich so vermisst!“

Tim schlang seine Ärmchen um sie. „Ich habe dich auch vermisst, Oma.“

So standen sie eine Weile, als Anneliese langsam bewusst wurde, dass dies hier eigentlich nicht möglich sein konnte. Hatte sie jetzt den Verstand verloren?

Sie schaute auf, doch die drei Kinder waren immer noch da und guckten sie erwartungsvoll an.

Anneliese räusperte sich. Was hatte Tim da eben gesagt?

„Was soll das heißen, ihr durftet nicht früher kommen?“, fragte sie befangen.

„Na ja, es ist ja so, dass die Toten nur an Halloween auf die Erde kommen können“, erklärte Vera ein wenig altklug. „Daher ging es nicht früher.“

„Ich wollte auch meine Eltern besuchen“, sagte Bastian. „Aber sie wohnen nicht mehr hier.“ Er sah ein wenig traurig aus.

Anneliese nickte mechanisch.

„Kommst du mit uns mit?“, fragte Tim hoffnungsvoll. „Wir wollen zu Veras Eltern gehen, vielleicht kriegen wir da noch ein paar Süßigkeiten.“

„Ja, ja, natürlich komme ich mit euch.“

Sie musste verrückt geworden sein. Sie konnte doch nicht mit drei Geisterkindern zusammen bei fremden Leuten klingeln und um Süßigkeiten bitten! Aber es waren Kinder. Sie konnte sie doch nicht so spät alleine draußen herumlaufen lassen! Aber es waren tote Kinder, niemand ...

Tim streckte ihr seine Hand hin und strahlte sie erwartungsvoll an. Anneliese konnte nicht anders, als sie zu nehmen. Gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter, zur Haustür hinaus und auf die Straße.

Anneliese fühlte sich seltsam leicht und glücklich. Kurz zuckte ihr die Frage, ob sie überhaupt die Tür hinter sich zugemacht habe durch den Kopf, doch es war nicht weiter wichtig.

 

Am nächsten Morgen wurde das ganze Haus vom gellenden Geschrei der Nachbarin geweckt. In der offenen Tür ihrer Wohnung lag Anneliese Schneider inmitten von Glasscherben und bunten Süßigkeiten. Obwohl ihr Gesicht Spuren von Tränen aufwies, sah sie glücklich aus.

Der hinzugerufene Notarzt konnte nur noch einen Herzinfarkt feststellen.