Kurzgeschichten


Lesesnack gefällig? Oder doch lieber eine Kurzentführung aus dem Alltag?

Hier gibt's kleine Kurzgeschichten von mir, die immer mal wieder ergänzt oder ausgetauscht werden.


Morgenröte und Tausendschnitt

Im Reich eines Elfenkönigs, dessen Name schon längst in Vergessenheit geraten ist, lebte ein berühmter Krieger, dessen Namen noch heute alle Elfen mit Ehrfurcht aussprechen: Tausendschnitt.

Dieser Krieger war so tapfer, dass ihm keine Gefahr zu groß, kein Feind zu mächtig und kein Wagnis zu riskant war, als dass er sich nicht lachenden Auges mitten hineingestürzt hätte.

'Das ist wahrer Heldenmut', sagten die einen. 'Das ist große Dummheit', sagten die anderen. 'Er ist ein Kind der Götter, geschickt, damit er uns Ruhm und Reichtum bringt', sagten die dritten.

Denn es stimmte, Tausendschnitt ging aus jedem Kampf als Sieger hervor und kehrte aus jeder Schlacht als Held zurück. Ob er gegen einen, gegen hundert, oder gar gegen tausend Mann stand, er verlor nie. Gerade so, als ob der Tod ihm aus dem Weg ginge.

Doch war Tausendschnitt nun ein Held oder ein Dummkopf? Oder war er wirklich ein Kind der Götter, das dem Elfenvolk zu Ruhm und Reichtum verhalf?

Wie so oft im Leben stimmte nichts von alledem. Es war kein Heldenmut, der ihn antrieb. Es war Mutlosigkeit. Es war auch keine Dummheit; sondern Unglück. Und er war kein Kind der Götter - er war verflucht.

Tausendschnitt wollte nur eines: nämlich sterben. Das war sein einziger Antrieb, schon seit vielen hundert Jahren. Mittlerweile zählte er über 600 Lenze - sprich, er war ein Elfenmann in der Blüte seiner Jahre. Er hatte mehr Reichtum, Ruhm und Ansehen erlangt, als man in einem Leben brauchte, und jede Elfenfrau im Reich lag ihm zu Füßen. Dennoch - er war nicht glücklich. Und er würde es niemals mehr werden.

Bei den Elfen ist es ein Naturgesetz, dass ein Elf, sei es Mann oder Frau, nur dann glücklich sein kann, wenn er seine wahre und einzige Liebe, seinen Seelengefährten findet und mit ihm den Bund eingeht.

Für jeden Elfen gibt es in seinem ganzen langen Leben nur einen einzigen Seelengefährten. Mancher findet ihn schon in sehr jungen Jahren und mancher erst gegen Ende seines Lebens. Die meisten allerdings irgendwo dazwischen. Man sagt, wenn ein Elf seine wahre Liebe noch nicht getroffen hat, so kann er dennoch glücklich sein - denn er weiß ja noch nicht, was wahres, pures Glück wirklich ist. Und auch ein Elf, der seine wahre Liebe gefunden hat, den Bund mit ihr eingegangen ist und dem sie dann wieder genommen wurde, der kann dennoch irgendwann wieder glücklich werden; denn er durfte in seinem Leben erfahren, wie sich das Glück in seiner reinsten Form anfühlt. Doch wehe dem Elfen, der seinen Seelengefährten zwar erkannt hat, aber sich weigert, den Bund mit ihm einzugehen! Denn dieser kann zwar sehr alt, aber niemals glücklich werden. Denn irgendwo, in einem tief versteckten Winkel seiner Seele weiß er, dass ihm etwas fehlt.“

 

„Tausendschnitt war noch ein sehr junger, sehr ungestümer, sehr begabter und leider auch sehr arroganter Krieger, als er Morgenröte als seine Seelengefährtin erkannte.

Sein Interesse galt dem Schlachtfeld. Er wollte Abenteuer, Ruhm und Reichtum anhäufen und sich nicht mit der Liebe belasten, wie er es damals ausdrückte. Sein Herz drängte ihn, es verzehrte sich nach Morgenröte und ließ ihm keine Ruhe. Doch er weigerte sich, auf es zu hören - ja, vielmehr fühlte er sich von seinem flehenden Herzen sogar in seinem vermeintlichen Glück als gefeierter Krieger gestört.

Nun wäre es durchaus möglich gewesen, den Bund mit Morgenröte auch ein paar Jahrzehnte später einzugehen. Diese Wahl haben Elfen, doch nur wenige nutzen sie je, denn wer verschiebt sein Glück schon gerne nach hinten?

Aber selbst dieser Aufschub war Tausendschnitt zu gering. Sein Glück lag in der kalten Gefahr der Schlacht, nicht in den warmen Armen einer Frau! Er wollte den Bund um nichts in der Welt eingehen, da er glaubte, dass es das eine nur ohne das andere geben könne.

So kam es, dass er beschloss, die naturgegebene Ordnung der Dinge zu ändern und die wahre Liebe, die sie verband, zu vernichten.

Dafür suchte er eine mächtige und böse Zauberin auf.

Sie war einverstanden, den Zauber zu wirken, der ihre Seelen trennen sollte. Doch um die Trennung zu vollziehen, mussten sowohl Tausendschnitt als auch Morgenröte etwas opfern, das ihnen am liebsten war.

Tausendschnitts Opfer hatte sie bereits. Er war bereit, sein wahres Glück zu opfern, auch wenn er nicht wusste, was das wirklich bedeutete.

Morgenrötes liebste Freunde waren ihre Wunschflirrer. Zarte, schmetterlingsähnliche Geschöpfe, mit gutmütigen Gesichtern, die in allen Farben des Regenbogens schillerten. Sie waren unglaublich selten und besaßen die Fähigkeit, kleine Wünsche zu erfüllen. Doch so selten sie auch waren, sie liebten Morgenröte und wurden von ihr angezogen wie Bienen vom Nektar, sodass immer ein oder zwei von ihnen sie umschwirrten. Sie wiederum hegte und pflegte die kleinen Kerle, spielte mit ihnen und schützte sie. Aber sie sprach niemals einen Wunsch aus, denn das Erfüllen eines Wunsches entzog ihnen die Lebenskraft und sie mussten sterben.

Die Wunschflirrer waren Morgenrötes beste Freunde, und daher würde sie Tausendschnitt niemals freiwillig einen von ihnen überlassen. Doch weil es sich um einen bösen Zauber handelte, musste das Opfer nicht freiwillig erbracht werden. Es reichte, dass Tausendschnitt einen von Morgenrötes Wunschflirrern stahl und der Zauberin brachte. Er wusste, dass es seine Seelengefährtin zwar schmerzen würde, einen ihrer kleinen Freunde zu verlieren; doch eines von den einfältigen Insekten gegen sein zukünftiges Glück auf dem Schlachtfeld, schien ihm ein geringer Preis. Sie würde schon darüber hinwegkommen, denn es würde sich bestimmt schon bald ein neuer Wunschflirrer zu ihr gesellen.

So geschah es, dass Tausendschnitt beim nächsten Vollmond mit dem gefangenen Wunschflirrer zu der Zauberin ging.

Sie nahm das zarte Wesen an sich und wünschte sich einen Krug.

„Warum wünschst du dir einen Krug?“, fragte Tausendschnitt entgeistert, während er beobachtete, wie der Wunschflirrer langsam seine Farben verlor.

Die böse Zauberin zuckte lediglich die Schultern und warf den Krug auf den Boden, wo er in tausend Stücke zersprang. „Es ist einerlei, was ich wünsche. Denn ich kann mir alles herbeizaubern, wonach mir der Sinn steht. Diese Kreatur ist nur das notwendige Opfer für den Zauber.“

In dem Moment bemerkte Tausendschnitt den Ausdruck auf dem Gesichtchen des nunmehr grauen Wunschflirrers, mit dem dieser den zerschellten Krug ansah, und ein nagendes Schuldgefühl bohrte sich in sein Inneres. Kurz darauf sackte das kleine Wesen lautlos in sich zusammen und starb. Unbehagen bemächtigte sich Tausendschnitts, doch es war zu spät; der Zauber hatte bereits begonnen.

Im nächsten Augenblick wälzte sich Tausendschnitt in Höllenqualen auf dem Boden, die jegliche Vorstellungskraft überstiegen, und im gleichen Moment spürte er, dass es Morgenröte ebenso erging.

Was hatte er getan?! Ihm war, als ob ihm die Seele aus dem Leib gerissen und in zwei Hälften zerfetzt würde. Letztendlich war es auch genau das, was gerade geschah. Plötzlich verstand er, was er da soeben leichtfertig aus seinem Leben gestoßen hatte. Er spürte, wie er seinen Körper verließ und seine Seele zu Morgenröte wanderte. Sie lag reglos auf dem Boden, ihre Seele schwebte über ihrem Körper. Er wollte etwas sagen, doch er konnte nicht. Morgenrötes Seele berührte ihn, noch ein letztes Mal, und ihre verzweifelte Frage widerhallte in seinem Inneren: „Warum nur, Geliebter?“

Er wollte ihr antworten, doch er konnte sich nicht rühren.

„Du wirst erlöst werden, wenn du eine wahrhaft selbstlose Tat vollbringst“, hörte er sie sagen, bevor sie jählings in ihren Körper zurückfuhr und mit dem schlimmsten Schrei erwachte, den Tausendschnitt in seinem ganzen Leben gehört hatte. Im selben Moment fuhr er ebenfalls in seinen Körper zurück und die Schmerzen überwältigten ihn. Als er wieder zu sich kam, beugte sich die Zauberin über ihn.

„Nun, dein Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Du wirst endlich dein Leben der Schlacht widmen können. Du wirst unbesiegbar sein, dein Ruhm legendär und dein Einfluss grenzenlos.“ Damit verschwand sie und Tausendschnitt fand sich auf einer Wiese nahe seines Heims wieder.

Die fürchterlichen Schmerzen waren verschwunden, doch in seinem Inneren herrschte eine sonderbare Leere.

Als er Morgenröte das nächste Mal begegnete, fühlte er ihr gegenüber nichts Besonderes. Das beständige Drängen seines Herzens, sich mit ihr zu verbinden, existierte nicht mehr. Und auch in ihrem Blick lag lediglich mildes Desinteresse.

Er hatte erreicht, was er wollte und sollte sich jetzt endlich frei fühlen - doch diese Freiheit schmeckte schal.

Tausendschnitt wusste, dass hier etwas fehlte und dieses Wissen nagte an ihm. Allerdings bekam er nicht so recht zu fassen, was es genau war.

Nun hatte er endlich die ersehnte Freiheit, sein Glück als größter aller Krieger zu verwirklichen, ohne dass ihn sein Herz in die Arme einer Frau trieb. Aber plötzlich hatten auch der Kampf und die Schlacht ihren Reiz für ihn verloren.

Sein Körper war stark und unbesiegbar, er fühlte sich gut und man verehrte ihn ob seiner Erfolge. Doch er wusste, dass in seinem Leben etwas Wesentliches fehlte, und so waren seine Erfolge letztendlich für ihn selbst bedeutungslos. Alles was er tat fühlte sich zwar an, wie es sich immer angefühlt hatte - gleichwohl mit dem Unterschied, dass irgendetwas fehlte, von dem er einmal gewusst hatte, was es gewesen war. Aber es ließ sich nicht mehr greifen, und das raubte ihm langsam aber sicher jegliche Freude. Sein Leben hatte die Farben verloren, wie damals der Wunschflirrer, als er auf den zerbrochenen Krug starrte.

Morgenröte erging es ähnlich. Sie welkte innerlich dahin. Die Wunschflirrer hatten sie schon vor langer Zeit verlassen, doch es war ihr einerlei. Allerdings konnte sie auf diese Art nicht weiterleben und so erlosch ihr Lebensfunke nach und nach, bis sie eines Morgens einfach nicht mehr aufwachte.

Tausendschnitt berührte dies nicht sonderlich. Doch als ihm dies bewusst wurde, schrie irgendetwas in seinem Inneren plötzlich auf.

Er wollte so nicht mehr leben!

Er versuchte alles, sein Leben zu beenden. Aber er war unbesiegbar. Kein Gegner, keine Waffe, ja nicht einmal er selbst konnten ihm etwas anhaben.

Anders als bei Morgenröte, scheiterte sogar die grausame Leere in seinem Inneren daran, ihn aufzufressen und endlich, endlich niederzustrecken. Er lebte einfach immer weiter, errang Erfolg um Erfolg, Ruhm um Ruhm, ohne dass seine Seele Anteil daran nahm.

Doch eines Tages kamen ihm plötzlich, einem erfrischenden Sommerregen gleich, Morgenrötes letzte Worte an ihn in den Sinn: „Du wirst erlöst werden, wenn du eine wahrhaft selbstlose Tat vollbringst.“

Nun, das sollte ja nicht zu schwer sein. Ab sofort setzte er sich nach Kräften für die Armen und Schwachen ein. Aber es war wie verhext: Er konnte sich abrackern wie er wollte, er war nach wie vor unbesiegbar. Sein Leben klebte an ihm wie flüssiges Pech und ließ den erlösenden Tod nicht in seine Nähe.

Was war das nur? Was machte er falsch? Wie gut mussten seine Taten denn noch sein, um endlich erlöst zu werden? Oder hatte Morgenröte ihn in ihrem letzten Moment etwa verspottet?

 

Eines Tages, er war gerade unterwegs, um zu sehen, ob er bei einem anderen Elfenstamm womöglich irgendetwas Gutes tun konnte, hörte er plötzlich ein schwaches Stimmchen.

„Hilfe!“, rief es. Tausendschnitt hielt inne und blickte sich um, doch er konnte niemanden sehen.

„Hier unten“, sagte das Stimmchen.

Er schaute hinab, und tatsächlich, dort lag ein Wunschflirrer, einen Flügel hilflos unter einem Stein eingeklemmt.

Tausendschnitt erblickte ihn und wollte schon wütend weitergehen. Gute Taten hin oder her, bei Wunschflirrern hörte seine Hilfsbereitschaft auf. Einer von ihnen hatte ihm schließlich diesen Schlamassel eingebrockt! Außerdem, so einem Winzling zu helfen konnte ihn wohl kaum erlösen. Er drehte sich um und wollte seinen Weg fortsetzen.

„Nein, warte!“, wimmerte es hinter ihm, und irgendwie tat ihm der kleine Kerl dann doch leid.

Unwirsch stapfte er zu ihm, hob den Stein weg und wandte sich ab, um zu gehen.

„Oh je, das sieht schlimm aus“, jammerte der Wunschflirrer.

Tausendschnitt drehte sich unwillig um. „Was ist denn noch?“

„Mein Flügel“, lamentierte das Kerlchen. „Ich werde nie wieder fliegen können!“

Tatsächlich hing der schöne bunte Flügel zerfetzt und nutzlos an seiner Seite herab.

„Ja, und was soll ich da jetzt machen?“, schnaubte Tausendschnitt grob, doch irgendwie dauerte ihn das winzige Wesen, das dort so hilflos auf dem Boden vor ihm stand. Behutsam hob er es hoch und setzte es auf einen Ast.

„Kann ich denn irgendetwas für dich tun?“, fragte er es, schon bedeutend freundlicher.

Das Kerlchen schüttelte betrübt den Kopf. „Nein, ich fürchte nicht. Wir Wunschflirrer können nicht mehr lange leben, wenn unsere Flügel zerstört sind. Aber ich danke dir, dass du mich von dem Stein befreit hast. So kann ich wenigstens in den Bäumen sterben. Und wenn du dir was wünschst, dann geht es noch schneller.“

„Ich habe keine Wünsche, mein kleiner Freund“, sagte Tausendschnitt sanft. Denn er wusste aus Erfahrung, dass die Magie des Wunschflirrers nicht stark genug war, seinen einzigen Wunsch zu erfüllen.

„Wünsch dir irgendwas, sei es noch so sinnlos, aber lass mich hier nicht so zurück“, bat der Wunschflirrer und sah plötzlich sehr traurig aus. „Sonst muss ich die ganze Zeit an mein Mädchen denken, das ich nie wiedersehen werde.“

Tausendschnitt strich ihm mit einem Finger vorsichtig über den winzigen Kopf. Das kleine Wesen tat ihm ehrlich leid, aber es widerstrebte ihm, einen unnötigen Wunsch auszusprechen. Das erinnerte ihn zu sehr an die böse Zauberin und den zerbrochenen Krug. Doch er wollte dem Wunschflirrer gerne helfen, als ihm plötzlich eine Idee kam. Wäre es vielleicht möglich, dass ...? Er wusste nicht, ob es funktionieren würde, aber es war einen Versuch wert.

„Nun gut, ich wünsche mir, dass dein Flügel wieder heil wird.“

Zunächst geschah nichts, aber dann heilte der Flügel plötzlich wie von Zauberhand. Der Wunschflirrer bewegte ihn ungläubig.

Tausendschnitt starrte ihn an, in der bangen Erwartung, dass der Wunschflirrer nun seine Farbe verlieren und sterben würde.

Tatsächlich begannen seine Farben ineinander zu verlaufen, sich von ihm abzuheben und wie ein bunter Nebel um ihn herumzuwirbeln.

Oh nein! Tausendschnitt fühlte ein tiefes Bedauern, dass seine Idee nicht von Erfolg gekrönt war. Aber wenigstens hatte er so den Wunschflirrer von seinem Leiden erlöst.

Doch plötzlich senkten sich die wirbelnden Farben wieder auf das kleine Lebewesen herab und verbanden sich mit ihm, sodass es sogar noch viel prächtiger war als vorher.

„Oh, vielen, vielen Dank, das ist ja wunderbar! Du hast mich gerettet!“, jubelte das Kerlchen und hüpfte freudig auf und ab.

„Gerne geschehen, und nun flieg zu deinem Mädchen“, lächelte Tausendschnitt. Das ließ sich der Wunschflirrer nicht zweimal sagen und schwirrte glücklich von dannen. Tausendschnitt freute sich aufrichtig. Er hatte gehofft, dass wenn sich jemand etwas für den Wunschflirrer wünschte, dies seine Magie nicht aufbrauchen würde; und er hatte recht behalten. Tausendschnitt blickte den flirrenden Farben lächelnd hinterher, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwanden.

 

Als er sich umdrehte, um seinen Weg fortzusetzen, geriet er mit der Hand an das Netz einer waldlebenden Feenspinne, die sogleich erschreckt zubiss. Die waldlebende Feenspinne ist äußerst giftig und ihr Biss endet tödlich, doch das kümmerte ihn nicht, denn er war schon oft gebissen worden. Ungerührt setzte er seinen Weg fort. Aber nach ein paar Metern wurde ihm plötzlich eigentümlich zumute und er musste sich setzen. Der Wald um ihn herum verschwamm und er spürte, wie sich das Gift den Weg durch seinen Körper bahnte. Was war das nur?

Tausendschnitt verspürte keine Schmerzen, nur Verwunderung. Als das Gift sein Herz erreichte, hörte dieses einfach auf zu schlagen. Dem unbesiegbaren Helden des Schlachtfeldes schwanden langsam die Sinne. Doch bevor er völlig in der Dunkelheit verschwand, erschien in der Ferne ein Licht, aus dem seine geliebte Morgenröte trat und die Arme ausbreitete.

Tausendschnitt warf sich mit einem Aufschrei hinein, und plötzlich fühlte er sich wieder vollständig. Morgenröte war seine Seelengefährtin, und kein böser Zauber der Welt konnte das ändern. Von Morgenröte strömte reine, wahre Liebe aus und ihn erfüllte ein Glücksgefühl, wie er es noch nie empfunden hatte. Tausendschnitt begann hemmungslos zu schluchzen.

 

„Endlich hast du eine wahrhaft selbstlose Tat vollbracht, mein Geliebter“, flüsterte Morgenröte, während sie ihn wiegte wie ein kleines Kind.“


Vorsicht vor guten Vorsätzen!

Dieses Jahr würde es anders werden. Oh ja, das würde es.

So schwor es sich Emma feierlich, als der letzte Schluck Sylvestersekt ganz oben auf den üppigen Inhalt ihres raclettestrapazierten Magens platschte.

Und Emma meinte es verdammt ernst. Zugegeben, es war nicht das erste Mal, dass sie gute Vorsätze für das neue Jahr hatte. Diesmal würde es allerdings das erste Mal sein, dass sie sie auch wirklich einhielt. Denn zu was hatte man sie sonst? Nein, nicht, um sie zu brechen. Das waren doch nur Ausreden!

Deswegen setzte sie sich auch gleich am nächsten Tag hin und schrieb Folgendes auf einen Zettel:

1. Abnehmen

2. Gesünder essen

3. Mehr Sport machen

4. Selbstbewusster und durchsetzungsfähiger werden

5. Befördert werden oder interessanteren Job suchen

 

Zugegeben, es war nichts sonderlich Ausgefallenes darunter. Was leider nichts daran änderte, dass jeder einzelne Punkt dringend nötig war.

Also klemmte Emma den Zettel souverän hinter den Spiegel, damit sie ihn jeden Tag sehen konnte, ganz so, wie sie es in ihrem Ratgeber gelesen hatte. Außerdem hatte der Ratgeber auch gesagt, dass man sofort mit der Umsetzung beginnen solle. Die Ausrede, dass am 1. Januar alles geschlossen hatte, ließ sie nicht gelten und recherchierte stattdessen Fitnessstudios und Ernährungsberater im Internet.

Gegen Ende der Woche konnte Emma bereits beachtliche Fortschritte vorweisen.

Sie hatte sich im Fitnessstudio nicht nur angemeldet, sondern war bereits dreimal dort gewesen. Ihr Kühlschrank platzte vor gesunden Sachen schier aus allen Nähten, die sie gemäß des neuen Plans ihrer neuen Ernährungsberaterin zubereiten würde. Zusätzlich prangte auf ihrem Schreibtisch die Anmeldebestätigung zu einem Seminar mit dem Namen „Die Sonnengruß Methode: Mit mehr Selbstbewusstsein zum Erfolg - oder wie ich mein Leben in 10 Tagen komplett umkrempele“. Das Seminar war in ihrem Ratgeber wärmstens empfohlen worden, und es klang ja wirklich gut. Da ihr schlaues Buch auch gesagt hatte, dass es entscheidend sei, wie man sich kleidete, hatte Emma eine größere Shoppingtour vorgenommen.

Stolz drehte sie sich vor dem Spiegel und stellte fest, dass ihr neues Businesskostüm tatsächlich der Schlüssel zu einem neuen Selbstbewusstsein sein konnte. Auch wenn der Bleistiftrock ein bisschen kniff, der Blazer die Bewegungsfreiheit ihrer Arme einschränkte und die Bluse für die Jahreszeit eigentlich zu kalt war. Aber es kam ja schließlich auch auf die Außenwirkung an. Und die trat tatsächlich ein, denn ihr Freund Peter, mit dem sie jetzt seit fünf Jahren glücklich war, musterte sie mit einer ungewohnten Mischung aus Unsicherheit und Bewunderung.

„Du siehst toll aus, mein Schatz. Aber kommst du nach unten? Ich habe uns was zu essen gemacht.“

Emma seufzte. Das war das Problem. Peter liebte essen und es war ihm in der ganzen Woche noch nicht gelungen, sich an Emmas neuen Speiseplan zu halten. Das musste er ja auch nicht, aber es wäre für Emma einfacher gewesen. Und so ganz nebenbei: Geschadet hätte es ihm auch nicht. Er war zwar nicht wirklich dick, aber auch ein paar Kleidergrößen von schlank entfernt.

Doch wie durch ein Wunder war es ihr bis jetzt gelungen, standhaft, und ihren guten Vorsätzen treu zu bleiben.

 

Am nächsten Morgen erregte Emmas neues Outfit bei ihren Kolleginnen einiges an Aufmerksamkeit und liebevollem Spott. Augenzwinkernd ging sie darauf ein und bald war schon wieder alles beim Alten, als man sich gegenseitig die Sylvestererlebnisse erzählte. Erst mittags in der Kantine musste Emma wieder die ein oder andere Neckerei über sich ergehen lassen, als sie an ihrem Salat knabberte, während die anderen ihre Pasta genossen. Auf die sie ebenso neidisch wie heimlich schielte. Aber sie würde gewiss nicht bei Kantinenpasta schwach werden! Auch wenn die Firma eine gute Kantine hatte.

Nachmittags war Emma mit ihrem neuen Outfit dann auch bei den Kollegen aus den anderen Abteilungen aufgefallen und langsam begann die Sache, ein wenig lästig zu werden. Aber vor derlei Unannehmlichkeiten hatte ihr Ratgeber gewarnt. Man sollte sich hier nicht kleinkriegen lassen, die Leute würden sich schon daran gewöhnen. Der Einzige, der ihre Verwandlung noch nicht bemerkt zu haben schien, war ihr Chef.

Typisch.

Mit einem Ächzen streifte Emma unter ihrem Schreibtisch die eleganten Businesspumps von den Füßen. Erstaunlich, wie unbequem diese Schuhe sein konnten, obwohl sie nun wirklich nicht viel herumgelaufen war.

Was ihre Kollegen betraf, behielt der Ratgeber recht. Gegen Ende der Woche hatten sich alle an ihr neues Outfit und ihren neuen Ernährungsstil gewöhnt und niemand verlor noch ein Wort darüber.

 

Drei Monate später.

Emma war sehr stolz auf sich. Sie hatte bereits eine gute Kleidergröße abgenommen und sowohl dafür, als auch für ihre Konsequenz sehr viel Anerkennung von ihren Freunden und Kollegen bekommen. Peter meinte zwar, er mochte ihre Kurven, aber es wären ja noch welche da.

Emma überlegte, ob sie deswegen womöglich beleidigt sein sollte, aber er hatte ja nicht unrecht. Als er sie dann allerdings umarmte, zärtlich küsste und sie daraufhin im Bett landeten, war es ohnehin nicht mehr wichtig. Sie genoss den Sex mit Peter. Sie hatten zwar schon lange nichts Ungewöhnliches oder Aufregendes ausprobiert, so, wie es in ihrem Ratgeber zur Belebung der Beziehung stand, aber dafür verdiente das, was sie taten durchaus den Namen ’Liebesakt'. 

Auch beruflich schien es so langsam bergauf zu gehen. Nachdem Emma ihr Selbstbewusstseins-Seminar besucht hatte, hatte sie sich endlich getraut, ihren Chef nach mehr Verantwortung und einer Gehaltserhöhung zu fragen. Selbstredend erst, nachdem sie sich gewissenhaft vorbereitet und ihm dann alle ihre bisherigen guten Leistungen dargelegt hatte. Das war ein wenig schwierig bei einer Sachbearbeitertätigkeit, denn entweder man machte die Sache richtig oder nicht und richtig war eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Sagte auch Emmas Chef. Aber immerhin bot er ihr an, ihr probeweise ein wenig mehr Verantwortung zu übertragen und dann könne sie sich ja mal beweisen.

Das war doch schon einmal besser als nichts, auch wenn sie jetzt abends öfter mal länger im Büro saß.

Was jedoch nicht so schlimm war, denn so hatte sie eine adäquate Ausrede, nicht mehr mit den Kollegen auf ihren monatlichen Umtrunk zu gehen. Emma mochte diesen Umtrunk zwar, es war immer sehr lustig. Aber wenn man selbst aus Figurgründen immer nur Wasser trinken und Salat essen durfte, während die anderen es sich feuchtfröhlich schmecken ließen, wurde man automatisch zu Außenseiter.

Allerdings freute sich Emma auf ihre neuen Aufgaben und auch auf das Aufbauseminar „Die Sonnengruß Methode: Jetzt komm ich! - Mach mehr aus deinem Leben und dir selbst“.

Von den Kollegen einmal abgesehen war es ihr viel wichtiger, dass ihre Freundinnen ihre neue Ernährung akzeptierten. Es war zwar schade, dass sie sich bei ihrem Mädelsabend, den sie alle zwei Wochen veranstalteten, immer zurücknehmen musste, aber es war trotzdem lustig.

 

Ein halbes Jahr später.

Wieder eine Kleidergröße weniger, das war genial! Und der neue Look, zu dem die Typberatung Emma geraten hatte, stand ihr ausnehmend gut. Außerdem fragte sie sich ernsthaft, warum sie nicht schon früher Make-up aufgelegt hatte. Das machte so viel mehr aus ihr! Auch wenn sie dafür jetzt morgens etwas mehr Zeit investieren musste, aber das war es wert. 

Aber das Allerbeste war, dass Emma morgen einen neuen Job in einer neuen Firma anfangen würde! Ihr Chef hatte sie einfach zu lange hingehalten von wegen ’sich erst mal bewähren' und ’zeigen Sie doch erst einmal, was Sie können'.

Sie hatte es getan! Sie hatte sich heimlich woanders beworben und dann gekündigt! Tja, da hatte ihr Chef Augen gemacht. Auf einmal war sie dagewesen, die Verhandlungsbereitschaft, aber jetzt hatte sie nicht mehr gewollt. An die Konditionen, die Emma bei ihrem neuen Arbeitgeber ausgehandelt hatte, wäre ihr alter Chef jedoch ohnehin nicht herangekommen.

Emma freute sich ohnehin, die Firma endlich verlassen zu können, denn das Verhältnis zu ihren Kollegen hatte sich in letzter Zeit doch etwas abgekühlt. Wohlmeinendere unter ihnen hatten sie darauf angesprochen, warum sie so unkollegial geworden wäre. Sie wäre auf einmal so verbissen, würde nur noch an ihre Karriere denken und wo denn ihre Hilfsbereitschaft geblieben wäre. Pah. Wenn die Schlabberpullifraktion nicht weiterkommen wollte, war das ihre Sache. Aber sie brauchten sie nicht auch noch mit ihren Arbeiten zu behelligen!

Mit Peter lief es auch nicht mehr ganz rund. Aber das würden sie schon hinkriegen. An einer Beziehung musste man schließlich beständig arbeiten. Und außerdem hatte sich Emma einen neuen Tantra-Ratgeber gekauft und freute sich, einiges daraus auszuprobieren. Das würde ihrem Liebesleben schon wieder Schwung verleihen! Aber so langsam könnte Peter wirklich mal ein bisschen was für seine Figur tun. So schwer war das doch wirklich nicht, das sah man doch an ihr!

Oh, die zweiwöchigen Fressgelage mit ihren Freundinnen hatte Emma auch ein wenig eingeschränkt. Sie mochte ihre Mädels ja wirklich, aber sie waren einfach so wenig karrierebewusst und machten so gar nichts aus sich. Dabei hätten sie wirklich Potenzial. Aber das mussten sie selbst wissen, sie waren ja alt genug. Auf Emma warteten erst einmal neue, spannende Herausforderungen bei einem echten Global Player. Außerdem freute sie sich auf das nächste Aufbauseminar „Die Sonnengruß Methode: Werde du selbst! - Befreie dich von dem Ballast zwischen dir und deinem Leben“.

 

Ein dreiviertel Jahr später.

Emma hatte ihr Ziel fast erreicht. Sie trug Kleidergröße 38 und fühlte sich fantastisch. Der neue Job war unglaublich. Er war zwar auch unglaublich anspruchsvoll, aber sie arbeitete endlich mit Profis zusammen, die es auch zu etwas bringen wollten. Wenn sie sich noch ein wenig anstrengte, dann war ihr der nächste Schritt auf der Karriereleiter sicher, denn Emma war gut in dem, was sie tat.

Stolz blickte sie sich in ihrer neuen Wohnung um. Nach der Einrichtung hätte sich jede einschlägige Wohnzeitschrift die Finger geleckt. Das meiste davon waren geschmackvolle Designerstücke.

Irgendwann konnte Emma den Mief in der alten Wohnung nicht mehr ertragen. Die Kieferholzmöbel und der Allerwelts-Ikeaplunder hatte ihr sonst wo gestanden. Schließlich hatte sie auf ihren Reisen durchaus ein wenig Exklusivität zu schätzen gelernt.

Ihre Trennung von Peter war noch nicht lange her. Wenn Emma ganz ehrlich war, versetzte ihr das zwar immer noch einen leichten Stich, aber es war nötig gewesen. Peter passte einfach nicht mehr zu ihr. Er, der sie immer in allem unterstützt hatte, begann plötzlich, sich daran zu stören, dass sie berufsbedingt viel reisen musste und abends erst sehr spät aus dem Büro zurückkam. Aber wahrscheinlich war er nur neidisch, dass sie viel mehr verdiente als er!

An ihre Versuche mit dem Tantra-Ratgeber dachte Emma auch nur ungern zurück. Dieses Experiment war wohl gründlich schief gegangen. Dafür war Peter einfach nicht der Typ. Nun gut, es lag wohl nicht nur an ihm, vielleicht hatte sie selbst die Sache auch etwas zu verkrampft gesehen. Aber wie auch immer, Nähe und Vertrautheit entstand so auf jeden Fall nicht. Aber wozu hier noch Mühe investieren, sie hatte schon beruflich genug um die Ohren. Und was wollte sie auf Dauer mit einem Mann, der nicht im Mindesten bereit war, auf sein Äußeres zu achten.

Ihre Freundinnen hatte Emma auch schon lang nicht mehr gesehen. Das war wirklich schade, aber sie hatte einfach keine Zeit!

Nächsten Monat war ja auch schon wieder ein weiteres Aufbauseminar „Die Sonnengruß Methode: Optimiere dein Leben! - Der letzte Schritt zur Perfektion“.

 

Ein Jahr später - Sylvester

Die Dachterrasse des Firmengebäudes wimmelte vor gut gekleideten Leuten. Bei den meisten davon handelte es sich um wichtige Kunden und Geschäftspartner. Die Stimmung war leger und ausgelassen. Wie konnte sie auch anders sein, wenn man, eine Champagnerflöte in der Hand, das Feuerwerk über den Dächern von Tokio betrachtete.

Die Hand des neuen Mannes an ihrer Seite schob sich um ihre Taille Größe 36, und Emma schaute angetan zu der gepflegten Erscheinung neben ihr auf. Gut sah er aus in seinem Maßanzug! Christian verstand es, sich zu kleiden, achtete auf sich, war zielstrebig und wusste, worauf es im Leben ankam.

Emma war unfassbar stolz auf das, was sie alles erreicht hatte. Es hatte sich wirklich gelohnt, die guten Neujahrsvorsätze endlich einmal einzuhalten.

Zwischen Christian und ihr war es vielleicht nicht die große Leidenschaft, aber zumindest machte er was her und hatte keine Probleme mit ihren beruflichen Ambitionen. Da sie beide geschäftlich sehr eingespannt waren und noch einiges erreichen wollten, sahen sie sich ohnehin nicht allzu häufig. Aber heute hatte Emma eine Überraschung für ihn! Sie brannte schon seit Längerem darauf, endlich einmal die Strip-Künste, die sie sich von der neuen, angesagten DVD angeeignet hatte, an Christian auszuprobieren. Bei einem solchen Mann musste man sich eben etwas einfallen lassen, um ihn zu halten!

Plötzlich nahm ihr Christian die halb volle Champagnerflöte aus der Hand und wisperte vorwurfsvoll in ihr Ohr: „Trink nicht zu viel, du wirst sonst zu fett.“ Dann war er auch schon wieder weg und klopfte einem guten Kunden kameradschaftlich auf die Schulter.

Emma seufzte. Er hatte ja recht. Alkohol hatte schließlich nicht gerade wenig Kalorien! Sie zog ihr kleines Schwarzes zurecht, das ein wenig nach oben gerutscht war und wandte sich wieder der Aussicht zu, wobei sie beim Umdrehen den giftigen Blick einer Kollegin erhaschte. Sollte sie doch. Die dumme Kuh war schon länger scharf auf Christian und auf ihren Job. Doch das konnte sie sich beides mal schön abschminken.

Ah, dort hinten war ja Theresa! Emma kannte sie von etlichen Netzwerktreffen und sie hatten sich gegenseitig schon mehrmals weitergeholfen.

Plötzlich wünschte sich Emma zu dem gemütlichen Sylvester mit ihren Freundinnen zurück. Wie unpassend! Sogleich rief sie sich ins Gedächtnis, dass diese Grundschullehrerinnen und Hausfrauen sie im Grunde genommen mit ihren banalen Themen langweilten. Außerdem hatten sie sich bei ihrem letzten Treffen gründlich überworfen, als ihnen Emma deutlich erklärt hatte, was wirklich wichtig im Leben war. 

Etliche Stunden später streifte sich Emma in ihrem Hotelzimmer erleichtert seufzend die Highheels von den Füßen. Christian lockerte mit einem ähnlichen Seufzer seine Krawatte und ließ sich rücklings aufs Bett fallen.

Emma war zwar eigentlich zu müde, aber sie sahen sich ja so selten, da musste man die Zeit nutzen. Sie schaltete leise Musik ein und begann, sich verführerisch dazu zu winden. Als sie das Kleid langsam über den Kopf streifte, hatte sie Christians Aufmerksamkeit. Nur noch in ihren teuren Dessous und halterlosen Strümpfen stellte sie sich über seinen Schoß und ließ die Hüften kreisen. Emma fühlte, wie seine Hand ihren Schenkel hinaufwanderte ..., dann war sie plötzlich weg. Christian kippte nach hinten und blieb mit halb offenem Mund leise schnarchend auf dem Bett liegen.

Verärgert und ein wenig peinlich berührt trat Emma einen Schritt zurück.

Sie versuchte, ihn aufzuwecken, was jedoch unmöglich war. Dann versuchte sie, ihn wenigstens ganz auf das Bett zu ziehen, doch er wehrte sie ab.

Unwillkürlich musste sie daran denken, dass Peter sie in ähnlichen Situationen meist brabbelnd an sich gezogen hatte.

 Emma stand schnell auf, streifte ihre verbliebene Kleidung ab, warf sich ihr seidenes Negligé über und stapfte ins Bad.

Der Spiegel warf das Bild einer umwerfenden Frau mit einer perfekten Figur zurück, deren Frisur und Make-up auch nach der langen Nacht tadellos saßen. Einer Frau, die beruflich und privat alles erreicht hatte, was sie sich wünschen konnte. Wenn sie überlegte, wo sie noch vor einem Jahr gestanden hatte, welches pummelige Nichts sie damals gewesen war!

Jetzt hatte sie endlich die Traumfigur, die sie immer wollte, einen verantwortungsvollen, interessanten Job, verdiente hervorragend und war mit einem Mann liiert, der wo er ging und stand die neidischen Blicke anderer Frauen auf sich zog. 

Und nicht nur die Blicke ...

Verärgert verscheuchte Emma den störenden Gedanken.

Ja, was konnte sie sich eigentlich noch mehr wünschen! Sie hatte doch alles erreicht!

Ja. Sylvester mit lauter Selbstdarstellern verbringen, in einem Hotelzimmer sitzen, morgen mit Geschäftspartnern frühstücken und danach noch eine Präsentation fertig machen, damit die Kollegin dir nicht den Job wegschnappt, nörgelte eine leise Stimme in ihrem Kopf. Emma schüttelte sie unwillig ab, wodurch ihr Blick auf die Gestalt auf dem Bett fiel. Plötzlich hatte sie keine Lust mehr, ebenfalls in dieses Bett zu kriechen.

Herrgott, was war denn bloß mit ihr los! Das musste der viele Champagner sein! Christian hatte recht, sie hätte nicht so viel trinken ... 

Emma schluckte, dann atmete sie jedoch souverän ein und wieder aus und betrachtete die schöne Frau im Spiegel. Sie hatte alles erreicht, was sie wollte!

Ja das hatte sie.

Befriedigt griff sie nach der teuren Abschminklotion, als ihr Blick wieder in den Spiegel fiel. Und auf einmal hatte sie Angst, diese Person abzuschminken. Denn sie wusste nicht mehr, wen sie darunter finden würde.


Einsames Halloween

Mit einem traurigen Lächeln schaute Anneliese Schneider der fröhlich durcheinanderplappernden Schar kleiner Hexen, Skelette, Gespenster und sonstiger Gruselgestalten hinterher, die neugierig in ihre prall gefüllten Tüten spähten.

Sie liebte die strahlenden Kinderaugen, wenn sie ihnen die Leckereien in die Tüten füllte. Und die Kinder kamen gerne zu ihr, denn sie war großzügig.

Mit einem Seufzen schloss sie die Tür und schlurfte zurück in ihr leeres Wohnzimmer. Dort ließ sie sich schwerfällig in ihren geblümten Fernsehsessel fallen und hievte ihre geschwollenen Beine auf das Schemelchen davor. Automatisch griff sie nach ihrem Strickzeug. Ach, jetzt hatte sie ihre Herztabletten vergessen! Egal, das würde sie nachher machen. Das Aufstehen war zu mühsam, als dass sie es extra wegen der Tabletten auf sich genommen hätte.

Dies eben war wohl die letzte Geisterschar für heute gewesen. Es war schon ziemlich spät, und die durchgefrorenen Begleitpersonen würden heilfroh sein, die niedliche Gruselmeute endlich wieder nach Hause scheuchen zu können.

Anneliese erinnerte sich noch gut daran, wie anstrengend es war, die ausgelassene Monsterschar von Haus zu Haus zu begleiten, doch sie hatte es gern getan. Die Freude der Kinder, wenn sie etwas ergattern konnten; ihre Lästereien, wenn die Leute „irgendwie doof“ gewesen waren; und ihre getuschelten Beschwerden, wenn jemand es gewagt hatte, etwa „nur“ einen Apfel in die erwartungsvoll ausgestreckten Tüten zu stecken. Dies alles hatte sie für die Anstrengung mehr als entschädigt.

War es wirklich erst letztes Jahr gewesen, als sie ihren Enkel und dessen Freunde noch auf ihrem Halloween-Raubzug begleitet hatte? Tim war damals schon sehr krank, doch er liebte Halloween über alles. Wie hätte sie ihm diese Freude abschlagen können? Der Hirntumor hatte danach gerade noch zwei Monate gebraucht, um sein Werk zu vollenden. Die gleiche Art Tumor, die auch schon Annelieses Tochter auf dem Gewissen hatte.

Das Klappern der Stricknadeln und das Ticken der Wanduhr waren die einzigen Geräusche in dem stillen Zimmer. In dem viel zu stillen Zimmer.

Wenn das Schicksal nur ein klein bisschen weniger grausam gewesen wäre, würde ihr Enkel jetzt in seinem Zombiepiratenkostüm mit seinen Freunden auf dem Boden sitzen, den Mund voller Süßigkeiten und seine Schätze sichten. Dann wäre es nicht still im Wohnzimmer. Jeder würde den anderen damit überbieten, was er Tolles gefunden hatte.

„Boah, krass, echtes Blut!“

„Die giftigen Riesenspinnen sind viel besser, da kannst du nämlich von sterben!“

„Das Skelett krieg ich!“

„Guck' mal, Oma, Schleimaugen!“

Tim hätte heute länger aufbleiben dürfen und so viele Süßigkeiten essen, wie er wollte. Nun ja, fast so viele. Es sollte ja auch noch ein bisschen etwas übrig bleiben für den nächsten Tag.

Ein Klingeln an der Tür riss Anneliese aus ihren Gedanken. Nanu, noch eine Runde „Süßes oder Saures“? So spät?

Mit einem Ächzen erhob sie sich aus dem Sessel. Auf dem Rückweg durfte sie nicht vergessen, ihre Herztabletten zu nehmen! Sie griff nach der Schale mit Süßigkeiten auf der Anrichte und schlurfte mit müden Beinen zur Tür.

Der Türspion war verkratzt, doch er reichte allemal aus, um zu erkennen, dass drei Kinder vor der Tür standen. Anneliese schmunzelte. Die drei waren ihren Begleitern wohl ausgebüxt, um die Halloweennacht noch ein wenig länger auszureizen.

Sie öffnete die Tür. Im nächsten Moment fuhr ihre Hand zu ihrem Herzen und die Schüssel mit Süßigkeiten rutschte ihr aus den kraftlosen Fingern und zerschellte auf dem Boden.

„Tim?“, krächzte sie tonlos.

Der Knirps scharrte verlegen mit den Füßen und schaute schuldbewusst zu ihr auf.

„Bitte nicht schimpfen, dass ich so spät nach Hause komme, Oma. Aber wir durften nicht früher.“

„Wir ... spät ... durften ...?“

Sie schaute sich die anderen beiden Kinder an. Mit dem Mädchen, Vera, hatte sich Tim im Krankenhaus angefreundet. Sie war zwei Wochen vor ihm gestorben. Den Jungen kannte Anneliese auch. Es war der kleine Bastian aus der Nachbarschaft. Vor einem knappen Jahr wurde er auf dem Schulweg in ein Auto gezerrt und war seitdem verschollen. Der Fall wurde niemals aufgeklärt.

Anneliese war wie vor den Kopf geschlagen. Ihr Blick wanderte von einem Kind zum nächsten und sprang schließlich wieder zu Tim zurück.

„Bist du mir jetzt böse?“, fragte der Kleine ängstlich an seiner Lippe knabbernd und schaute sie dabei treuherzig an.

Annelieses Erstarrung löste sich schlagartig. Mit einem Schluchzer fiel sie vor Tim auf die Knie und zog ihn an sich. Er fühlte sich an wie Tim. Klein und weich, vielleicht ein bisschen kühl. Aber nur so kühl wie ein Kind, das an Halloween zu lange draußen gewesen ist.

„Nein, nein, natürlich bin ich dir nicht böse! Mein Liebling! Ich habe dich so vermisst!“

Tim schlang seine Ärmchen um sie. „Ich habe dich auch vermisst, Oma.“

So standen sie eine Weile, als Anneliese langsam bewusst wurde, dass dies hier eigentlich nicht möglich sein konnte. Hatte sie jetzt den Verstand verloren?

Sie schaute auf, doch die drei Kinder waren immer noch da und guckten sie erwartungsvoll an.

Anneliese räusperte sich. Was hatte Tim da eben gesagt?

„Was soll das heißen, ihr durftet nicht früher kommen?“, fragte sie befangen.

„Na ja, es ist ja so, dass die Toten nur an Halloween auf die Erde kommen können“, erklärte Vera ein wenig altklug. „Daher ging es nicht früher.“

„Ich wollte auch meine Eltern besuchen“, sagte Bastian. „Aber sie wohnen nicht mehr hier.“ Er sah ein wenig traurig aus.

Anneliese nickte mechanisch.

„Kommst du mit uns mit?“, fragte Tim hoffnungsvoll. „Wir wollen zu Veras Eltern gehen, vielleicht kriegen wir da noch ein paar Süßigkeiten.“

„Ja, ja, natürlich komme ich mit euch.“

Sie musste verrückt geworden sein. Sie konnte doch nicht mit drei Geisterkindern zusammen bei fremden Leuten klingeln und um Süßigkeiten bitten! Aber es waren Kinder. Sie konnte sie doch nicht so spät alleine draußen herumlaufen lassen! Aber es waren tote Kinder, niemand ...

Tim streckte ihr seine Hand hin und strahlte sie erwartungsvoll an. Anneliese konnte nicht anders, als sie zu nehmen. Gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter, zur Haustür hinaus und auf die Straße.

Anneliese fühlte sich seltsam leicht und glücklich. Kurz zuckte ihr die Frage, ob sie überhaupt die Tür hinter sich zugemacht habe durch den Kopf, doch es war nicht weiter wichtig.

 

Am nächsten Morgen wurde das ganze Haus vom gellenden Geschrei der Nachbarin geweckt. In der offenen Tür ihrer Wohnung lag Anneliese Schneider inmitten von Glasscherben und bunten Süßigkeiten. Obwohl ihr Gesicht Spuren von Tränen aufwies, sah sie glücklich aus.

Der hinzugerufene Notarzt konnte nur noch einen Herzinfarkt feststellen.